Leben und Tod ganz nahe beieinander
Sturmflut Hans-Joachim und Margarete Singmann erleben 1962 eine äußerst wechselvolle Nacht
von Sandra Binkenstein
Wiefelstede - Am Abend des 16. Februar 1962 kam für die Eheleute Hans-Joachim und Margarete Singmann alles auf einmal: Draußen tobte die Sturmflut, im Schlafzimmer bekam Margarete Singmann starke Wehen. Das Ehepaar lebt heute im Holtkamp in Wiefelstede, vor fünfzig Jahren aber wohnten die beiden in Stade. An die Nacht vom 16. auf den 17. Februar erinnern sich die beiden heute noch, als wäre es gestern gewesen, eine Nacht, die Geschichten über Leben und Tod geschrieben hat.
In den späten Abendstunden hatte Hans-Joachim Singmann den Rettungswagen gerufen, der seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus bringen sollte. Draußen heulten die Sirenen, das Wasser stieg immer höher. Hans-Joachim Singmann war Polizei-Oberwachtmeister in Stade, er sollte in der Nacht den Rettern helfen. „Die Menschen standen schon auf ihren Dächern und schrien“, berichtet Margarete Singmann, was sie aus Erzählungen weiß. Sie selbst wohnte mit ihrem Mann etwas erhöht in der Stadt, sie waren nicht in unmittelbarer Gefahr. Doch ihr Mann sollte zusammen mit drei Bundeswehrsoldaten in einem Schlauchboot aufbrechen, um die Menschen von den Dächern zu holen. „Aber die Krankenhäuser und Helfer hatten so viel zu tun, dass der Rettungswagen für meine Frau Verspätung hatte“, erinnert sich Hans-Joachim Singmann. Und so wartete er, bis der Rettungswagen kam, um seine Frau abzuholen. Er begleitete sie ins Krankenhaus und als er wusste, dass sie in Sicherheit und gut versorgt war, machte er sich zu Fuß auf den Weg zur Polizeistation. „Doch ich war zu spät“, berichtet Singmann. Ein älterer Kollege von ihm war bereits mit den Bundeswehrsoldaten zusammen aufgebrochen. „Am nächsten Morgen haben wir erfahren, dass nur einer die Rettungsaktion überlebt hatte, einer der Soldaten“, sagt Margarete Singmann und starrt auf die Tischkante. Nur einer hatte überlebt, die anderen waren gestorben, als das Wasser mit unvorstellbarer Wucht den Deich durchbrochen hatte.
Leben und Tod liegen für die Singmanns in dieser Nacht eng beieinander. Margarete Singmann hatte gerade ihren Sohn Markus zur Welt gebracht, als der Strom und auch das Notstromaggregat im Krankenhaus ausfielen. Gerade war der Arzt dabei, sie zu nähen, als der Strom ausfiel. Draußen tobte der Sturm und die Sirenen heulten, aber in dem Raum, in dem Margarete Singmann lag, war auf einmal alles ganz still. „Die Tür zum Entbindungszimmer wurde geöffnet, und zwei Krankenschwestern mit je einer Kerze kamen herein. Sie stellten sich links und rechts neben den jungen Arzt, der dann bei flackerndem Kerzenschein so gut es eben ging seine Arbeit fortsetzte“, berichtet Singmann. Heute hat sie ein Lächeln auf den Lippen, wenn sie diese Geschichte erzählt. Der Arzt hatte gesagt: „Das glaubt mir keiner, wenn ich mal erzähle, dass ich mit Hilfe von zwei Weihnachtsengeln bei Kerzenschein genäht habe.“
Ihr Mann, der als Polizeibeamter im Dauereinsatz zusammen mit vielen anderen Einsatzkräften geholfen hatte, bekam vom Land Niedersachsen den so genannten Sturmflutorden verliehen.
Diese Medaille mit der großen Welle auf der einen und dem Wappen auf der anderen Seite hat Singmann seiner Ehefrau geschenkt mit den Worten: „Du hast ihn eher verdient als ich.“
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