Nach Flut wurde Elternhaus abgerissen
Serie Familie Schlichting wohnte hinter Werft – Deicherhöhung hatte Vorrang
Für die damals 10-jährige Margot Renken und ihre Freunde war die Sturmflut von 1962 auch ein Abenteuer . BILD: Privat/Archiv Hans Wiechmann 
Brake - „Jetzt wird er verrückt“, hatte die Mutter von Margot Renken gesagt, als der Familienvater den Kühlschrank aus dem Keller holte. Der Vater der damals 10-jährigen Margot wollte das gute Stück in Sicherheit bringen, denn im Radio kündigten die Sprecher immer wieder eine Sturmflut an. „Am späten Abend war es dann soweit: In den Kellerräumen drückte das Wasser mit einem lauten Klirren die Fenster ein und im Nu war unser bewohnter Keller bis zur Decke voll unter Wasser. Es trieben Schuhe und andere Sachen durch unseren Keller – das war ein gruseliger Anblick“, erinnert sich Margot Renken. Vor 50 Jahren hieß sie mit Nachnamen noch Schlichting und wuchs hinter der damaligen Lühring-Werft auf. An die Sturmflutnacht erinnert sie sich noch gut, denn bis dahin lebte sie zusammen mit den Nachbarskindern in einer „schönen, heilen Welt“, wie sie heute erzählt. Obwohl es verboten war, sprangen die Jungen und Mädchen am liebsten von der Deichkante in die Heuhaufen.
„Für uns Kinder wurde diese stürmische Nacht zum unvergesslichen Abenteuer“, erinnert sie sich. In der dunklen Nacht liefen die ersten Soldaten und freiwilligen Helfer mit Sandsäcken auf den Schultern, die auf dem Werft- Parkplatz gelagert waren, am Haus der Familie Schlichting vorbei in Richtung Käseburg, wo der Deich gebrochen war. Margots Mutter hatte Kaffee, Tee und steifen Grog zubereitet und versorgte im Wohnflur die erschöpften und durchgefrorenen Helfer.
Margot Renkens Tante suchte mit zwei Kleinkindern Unterschlupf bei der Familie, denn das reetgedeckte Haus der Großeltern, in dem die Tante lebte, stand so tief, dass das Wasser in allen Wohnräumen stand. „Mein Opa verbrachte die Nacht auf dem Dachboden“, berichtet Margot Renken. Ihre Großmutter habe sich zu der Zeit in der Auguststraße aufgehalten. Mit dem Ruderboot wurde sie am nächsten Tag nach Hause gebracht.
Am nächsten Tag war die Familie erschöpft, aber auch froh, dass das Wasser zurückging. „Wir begannen sofort mit den Aufräumarbeiten“, erinnert sich Renken. Mit der Karre wurde der Schlick aus dem Haus geschoben.
Später kam für die Familie eine „schlimme Nachricht vom Deichband“, erzählt Renken. „Die fünf Häuser am Deich sollten für eine Deicherhöhung abgebrochen werden. Für meine Mutter brach eine Welt zusammen.“ Alle Hauseigentümer hinter der Lühring-Werft protestierten gegen den Abriss, vor den Häusern stellten sie Schilder auf mit der Aufschrift: „Wir lassen uns nicht von unserer Scholle vertreiben“. Doch es half nichts – die Häuser wurden abgerissen und der Deich um viele Meter erhöht.
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