Werftarbeiter rufen auf dem Dach um Hilfe
Sturmflut 1962 Tagebuch-Aufzeichnungen des früheren Chefs schildern Erlebnisse und Schicksale vom 16. Februar
Das Wasser kam immer näher: NWZ -Leser Herbert Wurthmann machte während der Flutkatastrophe am 16. Februar 1962 diese beklemmende Aufnahme im Strandbad Oberhammelwarden. . BILD: Bilder: Herbert Wurthmann/Repro: Jan Lehmann 
von Felix Frerichs
Elsfleth - Die Tagebuchnotizen des früheren Werftchefs Edmund Behrendt füllen zehn Schreibmaschinen-Seiten. Sie sind datiert auf den 26. Februar 1962. Zehn Tage nach der Flutkatastrophe notierte der Chef der Elsflether Werft, wie er die Nacht vom 16. auf den 17. Februar erlebte.
„Am Freitag, 16. Februar 1962, herrschte ein Sturm mit Sturmböen. Um 12.45 Uhr war Hochwasser. Als ich um 13.45 Uhr zur Werft fahren wollte, war es nicht möglich. Das Wasser hatte die Zufahrtstraße überspült.“ Kurz darauf gelingt es Edmund Behrendt, zur Werft zu kommen. Das Wasser war schon bis vor die Treppen des Büros gelaufen. „Gegen 17 Uhr erhalte ich von Herrn Stadtdirektor Eilers den Anruf, dass mit einem Hochwasser 2,50 Meter über Normalstand zu rechnen sei.“
Im Büro des Werftchefs findet noch eine Besprechung statt. „Wir werden unruhig, da der Sturm unvermindert anhält und sich nach unserem Eindruck noch verstärkt. Der telefonische Wetterdienst gibt beruhigende Nachrichten, dass der Wind in der Nacht abflauen wird.“
Doch die beschwichtigenden Nachrichten des Wetterdienstes entsprechen nicht der Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass auf Norddeutschland eine der größten Flutkatastrophen seit Jahrzehnten zukommt.
„Meister Wichmann hält mich mit der Wache auf dem laufenden. Wichmann kann aber die Bürotür wegen des Wasserdruckes nicht mehr öffnen. Ich rate Meister Wichmann, ein Fenster einzuschlagen.“ Wichmann teilt mit, dass in Zimmer 1 der Boden aufgerissen sei. In der Werkstatt flüchten die Schmiede in einen anderen Teil des Gebäudes. Es kommt zu einer Explosion, als Wasser in den Ofen tritt.
Explosionen im Ofen
Die Schmiede bekommen es mit der Angst zu tun. Sie schlagen ein Loch in die Mauer und gelangen in die Dreherei, wo sie die Nacht im Dunkeln ausharren, während sie weitere Explosionen aus der Schmiede hören.
Edmund Behrendt schreibt weiter: „In meiner Wohnung fällt laufend das Licht aus. Ich erhalte einen Anruf des Elektriker-Vorarbeiters, Herrn Stolle, der außer Atem ist und dringend darum bittet, die Energieversorgung zu benachrichtigen. Der Strom darf unter keinen Umständen mehr eingeschaltet werden.“ Er fügt hinzu: „Man ist froh darüber, diesen Wichtigen Hinweis erhalten zu haben.“
„In meinem Haus dringt gegen 23 Uhr Wasser durch das einzig nicht dichtgemauerte Kellerfenster ein. Mit ungeheurem Druck und Lärm läuft der Keller voll. Ingenieur Kremer und Frau kommen, um uns beim Möbeltransport in die erste Etage zu unterstützen.“ Behrendt bekommt einen Anruf: „Auf dem Dach der Kantine rufen die ausländischen Arbeiter unentwegt um Hilfe.“
Behrendt: „Das Wasserwerk ruft an und teilt mit, dass die Hilferufe der ausländischen Arbeiter schrecklich seien. Die Leute müssen unbedingt vom Dach geholt werden.“ Kurz darauf werden Griechen, Inder, Spanier und Ägypter von der Marine gerettet.
Männer waren zur See
Die Tagebuch-Aufzeichnungen von Edmund Behrendt schildern die Ereignisse in Elsfleth in beeindruckender Authentizität. Auch andere Elsflether schilderten im Nachhinein ihre Erlebnisse.
„Wir waren drei Seemannsfrauen. Unsere Männer waren zur See. Der einzige Mann im Haus war unser zehn Monate alter Sohn“, beschreibt Ingrid Ebeling, Weserstraße, die Nacht. Seefahrtschüler Lüder Precht half der Feuerwehr auf dem Marktplatz. „Ich selbst bin von den hereinströmenden Fluten mitgerissen und überspült worden.“
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