WANGEROOGE, 18. Februar 2012


Flut ist für Inselkinder prägend

Sturmflut 1962 Theodor Kruse (61) erlebt die schwere Flut als Inselschüler mit


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Dort wo der Dorfgrodendeich brach, entstand ein sehr tiefer Kolk, im Hintergrund sind die Häuser der Siedlerstraße zu sehen. Der Groden war damals noch nicht bebaut. Links ist der Sandsäcke-Deich erkennbar.Theodor Kruse BILD: BILD: Theodor KrusePrivat  Bild vergrößern

Am Tag der Sturmflut segelten Dachpfannen von den Häusern und die See stand hoch am Deich, erinnert sich Kruse. Die Flut war für ihn eine Lektion, sagt er.

von Theodor Kruse

Wangerooge - Tagelang fegte bereits der Sturm über die Insel hinweg. am 16. Februar – ein Freitag – wurden wir dann frühzeitig von der Schule nach Hause geschickt. Überall im Inseldorf segelten Dachpfannen von den Häusern, die See stand selbst bei Niedrigwasser hoch am Strand und an den Deichen.

Am Abend hat dann bei Vollmond eine apokalyptische Szene Wangerooge ergriffen: Die tiefer gelegenen Teile des Dorfes liefen nach dem Deichbruch voll Wasser, viele Häuser wurden überflutet und sogar im Rosengarten konnte man Boot fahren. Das ist mir nach einem halben Jahrhundert wieder gegenwärtig.

In den folgenden Tagen war an Schule nicht zu denken. Auf der Insel herrschte Ausnahmezustand. Familien, die ihr Hab und Gut in den Fluten verloren hatten, wurde bei Verwandten oder Freunden untergebracht. Manche hatten nicht mehr retten können, als die Kleidung, die sie am Leibe trugen. Zum Glück war niemand ums Leben gekommen, so wie in Hamburg.

Nach dem Bruch des Dorfgrodendeiches galt es zunächst, das Riesenloch zu schließen. Dafür flog die Luftwaffe mit den „Noratlas“-Transportmaschinen stapelweise Sandsäcke zur Insel. Sie wurden während des Fluges über dem Strand abgeworfen.

Wir Kinder halfen beim Einsammeln und füllten sie mit Sand. Die gefüllten Säcke konnten wir aber nicht mehr schleppen – das machten die Erwachsenen. Mit den Pferdegespannen der Fuhrleute Alfred Dekena, August Hanken und Hinrich de Witt wurden sie dann zur Deichbruchstelle gefahren. Das ist tagelang so gegangen. Nach meiner Erinnerung hatten wir eine Woche keinen Unterricht – es können auch zwei gewesen sein.

Trotz des Schulausfalls hatten meine Schulkameraden und ich eine Lektion fürs Leben gelernt: „Respekt und Demut vor den Naturgewalten und dass man auch solche Situationen meistern kann, wenn eine Gemeinschaft solidarisch zusammen hält.

Die dramatischen Tage und Wochen waren für die Inselkinder prägend. Das hatten die Pädagogen erkannt. Als sie melden sollten, wer sich einen „Sturmflutorden“ verdient habe, hat Hauptlehrer Fritz Becker dem Verwaltungspräsidenten Robert Dannemann erklärt: „Alle oder keiner.“ So schlummern heute in den Schubladen vieler damals sehr junger Wangerooger bronzene Sturmflutmedaillen des Landes Niedersachsen.

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