Mit Stroh gegen die Wucht des Wassers
Sturmflut Hans-Helmut Bucken aus Kleinensiel erlebt die Naturkatastrophe als Bundeswehr-Sanitäter
Zerstörter Deich: Wie hier in Augustgroden sah es auch in Ostfriesland aus, wo Hans-Helmut Bucken (kleines Bild, mit Orden) die Löcher mit Stroh stopfen musste. BILD: privat/Martin Fitzl 
von Martin Fitzl
Kleinensiel - Eigentlich wollte Hans-Helmut Bucken am 17. Februar 1962 auf die Grüne Hochzeit von Bekannten gehen. Eigentlich wollte der damalige Bundeswehrsoldat nur einen Tag frei haben. Dann kam die Sturmflut.
Am 1. Januar 1962 kam der heute 70-Jährige zur Bundeswehr nach Leer, zu den Sanitätern. Am 16. Februar waren er und seine Kameraden auf einer 36-Stunden-Übung, doch die wurde abgebrochen: Der Sturm, Vorbote der Flut, war zu heftig.
Häuser unter Wasser
Abends gegen 23 Uhr fragte ihn ein Kamerad aus Gelsenkirchen: „Du kommst doch von hier oben, kann bei dem Sturm nichts passieren?“ Schon eine halbe Stunde später ging der Alarm los: „Wir waren ruck zuck auf den Krankenwagen.“ Es ging nach Papenburg, bei stockfinsterer Nacht. Auf der Straße, die heute zur Meyer-Werft führt, sah Hans-Helmut Bucken zum ersten Mal die Ausmaße der Flut. „Linker Hand war alles noch trocken, aber rechts standen die Häuser schon unter Wasser“, sagt er.
Pioniere aus Meppen waren bereits da, die die Flutopfer aus dem Wasser zogen. Als Sanitäter musste Hans-Helmut Bucken sie im aufgeheizten Krankenwagen mit Decken wärmen und versorgen.
Auf einmal, so erinnert sich der 70-Jährige, wurde alles hell. Jemand war mit seinem Boot gegen einen Strommast gefahren. Das Kabel riss, das Wasser stand unter Strom, der Mann bekam einen Schlag und starb. Hans-Helmut Bucken hat das noch sehr deutlich in Erinnerung.
Am nächsten Morgen wurde Hans-Helmut Bucken mit seiner Einheit nach Pilsum in Ostfriesland verlegt. Dort mussten sie die Deiche flicken. „Hier wurde mit Sandsäcken geflickt, dort mit Stroh“, erinnert er sich. Da Hans-Helmut Bucken ostfriesisches Platt verstehen und sprechen konnte, wurde er eingeteilt, das Stroh von den Bauern zu holen. Etliche Tage brachte er am Deich zu. Am Ende haben seine Kameraden und er eine Flasche Doornkaat als Dankeschön für ihren Einsatz bekommen. Einen Sturmflut-Orden bekam er im Nachhinein: Auf einem Lehrgang in Itzehoe wurde ihm die Medaille verliehen.
Orden verliehen
@ Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-jahre-sturmflut.de
- Drei Räume in Wolfgang Brandts Haus an der Ringstraße in Wildeshausen sind voll mit historischen Erinnerungsstücken. Bücher und Schriften zur Heimatgeschichte, alte Postkarten und Briefe, Landpoststempel, Gildefiguren und vieles mehr drücken schwer auf die deckenhohen Regalböden.mehr
- „Das Thema hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt“, sagt Sigrid Hausler. Die 67-Jährige war eine der ersten, die sich in der NWZ -Geschäftsstelle in Westerstede eine Ausgabe der am Montag erschienenen Sonderbeilage „Die Jahrhundertflut“ sicherte.mehr
- Christa Heers und ihr Mann Heiko gehörten zu den ersten Interessenten, die sich bei Geschäftsstellen-Koordinatorin Hiltrud Gröneweg in der NWZ -Geschäftsstelle Ganderkesee die gesammelten Berichte über Erlebnisse rund um die verheerende Sturmflut vor mittlerweile 50 Jahren besorgt haben.mehr
- Auch fünf Jahrzehnte danach ist die Erinnerung an die große Sturmflut von 1962 bei vielen Menschen noch lebendig. Die NWZ hat jetzt eine 76 Seite starke, mit zahlreichen historischen Bildern illustrierte Dokumentation über die Jahrhundertflut herausgegeben.mehr
- Als die Sturmflut am 16. und 17. Februar 1962 über Norddeutschland tobte, verloren viele Menschen geliebte Familienmitglieder, Heim und Habseligkeiten. Die Deiche brachen 61 mal in Niedersachsen: Vieh ertrank, Häuser wurden zerstört.mehr


