Bis zu 1000 Arbeiter mit Essen versorgt
Sturmflut Renate Stoll erlebt Naturkatastrophe als DRK-Schwesternhelferin – „Selbstverständlichkeit“
Die ehemalige Schwesternhelferin Renate Stoll schilderte Dr. Hagen Behnke (links) und Peter Deyle BILD: Ulrich Schlüter 
von Ulrich Schlüter
Nordenham - Als Renate Stoll gegen Mitternacht über den Deich beim Union-Pier blickte, war die Weser schon sehr hoch aufgelaufen. Das Bootshaus des Nordenhamer Ruderclubs habe nur noch so eben aus den Fluten geragt. „Und das Wasser lief schon über den Deich in die Müllerstraße“, erinnert sich die Schwesternhelferin des Deutschen Roten Kreuzes an die Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962, als die schwere Sturmflut über die Wesermarsch hineinbrach.
Noch kein Telefon
Renate Stoll, 1934 in Breslau geboren, wohnte damals in einem Haus an der Bahnhofstraße in der Nähe des Hotels zur Post. Sie ging geschwind nach Hause und wurde wenig später von einer DRK-Helferin aufgesucht, die an die Tür klopfte. „Telefon hatten wir damals ja noch nicht. Es war eine stille Alarmierung“, sagt die 77-Jährige. Die ehrenamtlichen Helfer trafen sich dann alle in den Räumen der Geschäftsstelle an der Hafenstraße. Sie warteten jedoch vergeblich bis etwa gegen 4 Uhr auf ihren Einsatzbefehl.
Und auch am nächsten Tag gab es für sie keine Alarmierung. „Als es hieß, Rodenkirchen muss evakuiert werden, haben wir Decken und Material gepackt“, erzählt Renate Stoll. Zu einem Einsatz sei es aber immer noch nicht gekommen.
Die DRK-Schwesternhelferin arbeitete beim Finanzamt in Nordenham. Am Montagmorgen nahm sie sich eine Woche frei und fand sich schon kurze Zeit später in der Stollhammer Berufsschule wieder. Dort war die Nachschubbasis für die vielen Helfer eingerichtet worden, die an den Deichen arbeiteten, um die schweren Schäden nach der Sturmflut zu beheben. 150 hungrige Arbeitskräfte, wenig später waren es doppelt so viele, mussten versorgt werden. Renate Stoll hatte 1959 an einem Feldküchen-Kochkursus in Bad Zwischenahn teilgenommen. Doch sie wurde nicht nur in der Küche eingesetzt. „Ich war mittags immer unterwegs, um das Essen auszuteilen“, erzählt sie. Einmal sei sie sogar in einer Lore zu den Männern am Deich geschoben worden, um ihnen eine warme Mahlzeit und heißen Tee mit einem Schuss Rum zu bringen.
Auf der Straße nach Beckmannsfeld wurde Renate Stoll mit ihrer Essensration einmal aufgehalten. „Wir haben auch Hunger“, sagten die dort arbeitenden Männer zu ihr, an denen sie sonst immer vorbeigefahren war. Sie fing einen anderen Hilfstrupp ab und organisierte 20 mal „Schanzzeug“, also Essbesteck und Teller, das sie den Männern leihweise überließ und abends wieder abholte.
Morgens um 8 Uhr stand Renate Stoll in ihrer Schwesterntracht an der Straße und wurde von vorbeifahrenden Helfern mitgenommen nach Stollhamm. „Die Kameradschaft war riesengroß“, merkt sie an. Und es habe Spaß gemacht zu helfen, weil die Leute so dankbar gewesen seien.
1000 Helfer
Die Zahl der zu verpflegenden Katastrophenhelfer war zum Schluss auf etwa 1000 angestiegen. Die Lehrkräfte und Schülerinnen der landwirtschaftlichen Hauswirtschaftsabteilung in Stollhamm und die DRK-Schwesternhelferinnen hatten also alle Hände voll zu tun. Das war nur zu schaffen, weil auch in Burhave ein Küchenbetrieb eingerichtet worden war.
Auf die Frage des DRK-Kreisgeschäftsführers Peter Deyle und des Vorsitzenden Dr. Hagen Behnke, die beide im Jahr der Katastrophe 1962 geboren wurden, ob den Helfern denn offiziell gedankt worden sei, antwortete Renate Stoll bescheiden: „Ein Dankeschön? Das war für uns selbstverständlich, den Menschen zu helfen.“
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