Mit dem Kipperlaster zur Liebsten
Sturmflut Peter Finsterwalder lernte seine Frau kennen – Wolfgang Schmidt im Einsatz auf Wangerooge
Auf Wangerooge: Der von der Bevölkerung auch als „Bananenhubschrauber“ bezeichnete Boeing Vertol H-21-Hubschrauber war bei der Sturmflut-Katastrophe von 1962 im Einsatz. BILD:Virtual Wangerooge/Hanna Wolken 
von Anna Zacharias
Oldenburger Land - In Oldenburg gibt es die schönsten Mädchen. Das hatte man dem 21-Jährigen aus Hamburg gesagt. Eines davon hat er im Kopf, als er im Kipperlaster auf dem Weserdeich in Richtung Brake fährt. Es stürmt, und die Wellen schwappen über den Deich. Das Kribbeln im Bauch macht einem mulmigen Gefühl Platz.
„Wir waren eigentlich verabredet an diesem Abend – es hätte unser erstes Treffen sein sollen“, erinnert sich der heute 71-jährige Peter Finsterwalder zurück. Er war als Wehrpflichtiger auf dem Fliegerhorst in Oldenburg stationiert. Jetzt lächelt er seiner Frau Lisa über den Küchentisch im gemeinsamen Haus in Jeddeloh II zu. 50 Jahre nach der Sturmflut feiern die beiden Goldene Hochzeit.
Dass es so kommen würde, lässt sich der junge Soldat damals nicht träumen. Vielmehr sieht er seine Chancen schwinden, denn die hübsche Lisa weiß ja nicht, warum Peter nicht kommt, und die Zeit der Mobiltelefone sollte erst später anbrechen.
„Sie hatte kein Telefon, also habe ich zu meinem Kameraden gesagt: Ich muss da hin“ – und so steht plötzlich ein Kipperlaster voller Sand vor der Wohnung der 22-Jährigen. Peter hatte sie beim Tanz im „Grünen Jäger“ im Stadtteil Eversten kennengelernt. „Das habe ich natürlich verstanden“, sagt Lisa Finsterwalder mit einem vergebenden Seitenblick auf ihren Mann.
Tag und Nacht im Einsatz
Tag und Nacht fährt der Bordwaffenmechaniker von Oldenburg in Richtung Brake und wieder zurück, um Sand zu holen. „Wie oft das war, kann ich nicht mehr sagen, es schien mir eine Ewigkeit zu dauern“, meint er.
In Oldenburg wurde der Sand aufgeladen und an der Weser in Säcke gefüllt. Am Deich standen Menschen und brachten den Soldaten Verpflegung – „die Hilfsbereitschaft der Anwohner ist mir noch gut in Erinnerung geblieben“, erzählt Finsterwalder.
Eigentlich hätte er im Dezember 1961 entlassen werden sollen. „Wegen des Mauerbaus in Berlin wurde uns gesagt, wir müssten ein Vierteljahr länger bleiben – da war ich wirklich sauer, ich weiß noch, dass ich mein Essen in der Kantine an die Wand geschleudert habe“, sagt der spätere Kältemonteur.
„Das war nicht ohne. Und meine Mütze, die ich beim Einsatz verloren hatte, musste ich nachher bezahlen, das weiß ich noch“, sagt Finsterwalder, haut mit der Faust auf den Tisch und schüttelt ungläubig lachend den Kopf.
Das erste Rendezvous wurde nachgeholt, allerdings wiederum nicht ohne Hindernisse. „Ich hatte mir ein Fahrrad von einem Unteroffizier geliehen und war zum Pferdemarkt gefahren. Sie hat allerdings am Markt gewartet. Irgendwann hat es dann aber endlich geklappt mit uns“, sagt der 71-Jährige mit einem kleinen Seufzer.
Wolfgang Schmidt blickt aus der offenen Einstiegsluke des Hubschraubers auf den Boden hinab. Der Rotor macht einen Höllenlärm. Alles, was er sieht, ist Wasser. Die Boeing Vertol H-21, von der Bevölkerung auch als „Bananenbomber“ bezeichnet, kann wegen des starken Windes nicht landen. Ausgerüstet mit Stahlhelm, schwerem Rückengepäck und geschultertem Gewehr nimmt der 18-Jährige seinen Mut zusammen und springt.
„Zwei bis fünf Meter mussten wir uns in die Tiefe fallen lassen, das war nicht ohne“, sagt er heute. Als Soldat war er bei der Bundeswehr in Munster stationiert, wo er an einem Unteroffiziers-Lehrgang teilnahm. Fünf Tage dauerte sein Einsatz auf der Insel Wangerooge.
Um 11 Uhr am 17. Februar 1962 rasseln die Telefone des Unteroffiziers-Lehrstabes: „Urlaubs- und Ausgangssperre! Fertigmachen zum Katastropheneinsatz!“ So steht es in einem Bericht der Bundeswehr zum Einsatz auf Wangerooge. Von Munster macht sich die Truppe auf den Weg nach Wilhelmshaven, wo sie in der Nacht eintreffen. Von dort geht es am Morgen weiter mit dem Hubschrauber.
Auf Wangerooge sieht es nach der Sturmflut wüst aus. Hunderte von Tierkadavern, Hasen, Kaninchen, Hühner, Gänse, Hunde, Katzen, Schweine und Kühe liegen in dem überfluteten Gebiet. „Wir mussten die Kadaver zerteilen und vergraben, daran erinnere ich mich noch sehr gut“; erzählt der heute in Oldenburg lebende 68-Jährige.
Die Soldaten bessern die gebrochenen Deiche aus, befüllen Sandsäcke und helfen bei den Aufräumarbeiten. Im Gebäude der Kurdirektion wird ein Gefechtsstand eingerichtet, von dem aus der Einsatz geleitet wird.
„Es gab kein Telefon im Ort, die Abwässer konnten nicht abfließen, weil die Pumpenanlage beschädigt war“, sagt Schmidt, der auch dabei half, den Kanal wieder freizumachen.
Medaille verliehen
Am 29. Oktober 1962 bekam der Gefreite Wolfgang Schmidt gemeinsam mit vielen anderen für seinen Einsatz eine Gedenkmedaille „zur Erinnerung an die Hilfeleistung bei der Sturmflutkatastrophe vom 16. Februar“ vom Niedersächsischen Ministerpräsident verliehen.
„Am letzten Einsatztag arbeiten alle drei Kompanien noch einmal gemeinsam am Süddeich und eine Stunde vor Abfahrt unseres Zuges zum Westanleger wird die Deichlücke geschlossen. Unser Auftrag ist erfüllt“, heißt es am Ende des Katastrophenberichts. Für die Menschen auf Wangerooge, die ihr Hab und Gut verloren haben, war dieser Einsatz mit Sicherheit nicht umsonst.
@ Ein Spezial unter http://www.NWZonline.de/50-Jahre-Sturmflut NWZTV zeigt einen Beitrag unter http://www.NWZonline.de/tv
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