24. Dezember 2009


Schüchtern und drogensüchtig

LITERATUR Rezitator Lutz Görner über Friedrich Schiller – Gastspiel in Oldenburg


Von Reinhard Tschapke

Frage: Was haben Sie gegen Friedrich Schiller?

Görner: Nichts. Warum?

Frage: In bald vier Jahrzehnten als Rezitator haben Sie sich mit Goethe, Heine oder Wilhelm Busch befasst, aber nie ein abendfüllendes Schillerprogramm gemacht.

GÖrner: Stimmt. Ich habe Schiller tatsächlich lange nicht gemocht; und ich wusste nie, wie ich ihn mögen kann. Ich muss doch als Rezitator wie ein Staubsaugervertreter den Leuten viel Lust auf den Dichter machen! Wie soll ich alle zum Lesen animieren, wenn mir Schiller persönlich suspekt ist?

Frage: Was führte dann bei Ihnen zur Wende?

Görner: Irgendwann in den vergangenen Jahren bin ich auf den „anderen Schiller“ gestoßen. Den hatte doch die Germanistik im 19. und teilweise auch im 20. Jahrhundert begraben! Schiller taugte doch nur noch zum bloßen Auswendiglernen!

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Frage: Und was kennzeichnet diesen „anderen Schiller“?

Görner: Nehmen Sie allein die Tatsache, dass Schiller vom 13. bis zum 21. Lebensjahr in einer Kaserne eingesperrt war. In der berühmten Karlsschule gab es keine weiblichen Wesen. So hat der verschüchterte Schiller nie gelernt, mit Frauen umzugehen. Außerdem durften die Kadetten kein Geld haben – den Umgang damit hat er also auch nicht kapiert. So kommt es, dass er später Schulden anhäufte.

Frage: Sie stellen also in Ihrem neuen Programm einen ganz privaten Schiller vor.

Görner: Durchaus. So war unser großer Schiller zum Beispiel sein Leben lang stark drogensüchtig – Alkohol, Tabak und Opium gehörten zu seinem Alltag. Das Opium konnte man damals in jeder Apotheke kaufen.

Frage: Bleibt denn nichts vom bürgerlichen Schiller für den gutdeutschen Hausgebrauch?

Görner: Naja, er war schon ein normaler Mensch durch und durch, der auch mal ausflippte. In seinem Gedicht „Männer“ sagt er: „Ich bin ein Mann, das könnt ihr schon an meiner Leier riechen“. Über die Uni Jena ärgerte er sich so sehr, dass er notierte: „Die Universität hier kann mich im Arsche lecken.“ Der Mann hatte also Gefühle, kam von ganz unten, häufte Schulden an, kämpfte sich durch. Am Ende seines kurzen Lebens zählte er zu den zwölf am besten verdienenden Bürgern Weimars. Er starb als wohlhabender Mann.

Frage: Was haben Sie trotzdem gegen seine oft zitierten Balladen? Die kommen in Ihrem Programm gar nicht vor.

Görner: Ich gebe zu, die Balladen klingen prima, aber die Inhalte sind schlecht. In „Der Handschuh“ ist da ein Mann, der – obwohl er die Frau eigentlich überhaupt nicht liebt – wie ein Blödmann ehrversessen gegen einen Löwen im Käfig kämpft. In der „Bürgschaft“ will einer erst den Tyrannen ermorden, am Ende will er ihn lieber in der Skatrunde haben. Auch Schillers „Taucher“ mit dem Becher im Schlund kann man doch nur noch ironisch vortragen.

Frage: Was schätzen Sie an Schiller besonders?

Görner: Seine Dramatik, seine Stücke. Da ist er bis heute ein unerreichter Meister, und ich liebe „Don Carlos“, „Wilhelm Tell“ oder seine „Räuber“. Darauf will ich den Leuten wieder Lust machen.




 



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