OLDENBURG, 15. Februar 2010


Raus aus dem Schattendasein

PREMIERE Tanzstück „Double Lives“ von Tero Saarinen im Staatstheater


GETANZT WIRD DAS STÜCK VON DER „NORDWEST“/TANZCOMPAGNIE OLDENBURG & TANZTHEATER BREMEN. IM GROßEN HAUS FINDEN DIE 20 TÄNZER ZU EINEM LEBENDEN ORGANISMUS ZUSAMMEN.

VON REGINA JERICHOW

Oldenburg - Er soll Schlittschuhläufer und Fußballspieler gewesen sein, bevor er Tänzer wurde, und sein Probenleiter sieht aus, als hätte er gerade ein paar Schränke gezimmert und eigenhändig auf die Bühne gestemmt. Heute ist Tero Saarinen Finnlands berühmteste Antwort auf die Fragen des zeitgenössischen Tanzes und Henrikki Heikkilä langjähriges Mitglied seines Teams, das ihn auch ans Staatstheater begleitet hat. Gemeinsam mit der „nordwest“/Tanzcompagnie Oldenburg & Tanztheater Bremen haben sie ein Stück erarbeitet, das vielleicht zum ersten Mal seit Bestehen der beiden Gruppen so etwas wie Weltklasse-Format erahnen lässt.

„Double Lives“ – der Titel passt zur 20-köpfigen Doppelcompagnie. Als Doppelgänger im weitesten Sinne erweisen sich die Tänzerinnen und Tänzer im Großen Haus. Einerseits symbolisieren sie die widerstreitenden Kräfte im Menschen selbst, die Widersprüchlichkeit zwischen Vorstellung und Realität, und andererseits etwas, das den Choreografen schon lange interessiert: das Verhältnis zu den Ahnen und Urahnen. Längst verstorbene Existenzen, die Saarinen in einem effektvollen Schattenspiel auf die Bühne holt, mit schwarzen Fantasie-Kostümen, die an alte niederländische Malerei erinnern.

Doppelgänger

Hinter einer geschwungenen Wand aus schmalen, beleuchteten Stoffbahnen schieben sie sich im grotesken, abgehakten Zeitlupentempo in scheinbar unablässiger Abfolge über die Bühne oder stehen erstarrt als überlebensgroßes Schattenbild – Wiedergänger, Doppelgänger, Vorgänger. Vor der Wand bewegen sich ihre modernen Spiegelbilder, mal gesichtslos wie schwarze Scherenschnitte, dann wieder kunstvoll ausgeleuchtet, sodass ihre Haut unter den teils transparenten Kostümen fast golden aufleuchtet.

Bei den Tanztagen 2009 hatte Saarinen mit seinem spektakulären, selbst getanzten Solostück „Hunt“ überzeugt, in „Double Lives“ sind es vor allem die Gruppen-Szenen. In ihnen finden sich die beiden Compagnien aus Oldenburg und Bremen zu einem lebenden Organismus zusammen, der zumeist in fließenden, wellenartigen Bewegungen der Arme und Beine zum stampfenden Rhythmus von Jarmo Saaris Kompositionen die Bühne in Besitz nimmt. Eine schillernde Menge, die nach allem zu greifen scheint, was sich außerhalb von ihr befindet.

Aus diesem atmenden, sich vorwärtsschiebenden Ganzen, das beim Zuschauen geradezu hypnotische Kraft entfaltet, lösen sich immer wieder Trios, Solos und Duette. Letztere sind bei Saarinen allerdings keine romantische, hingebungsvolle Angelegenheit, sondern eher Problemfälle. Die Partner ziehen sich an und stoßen sich ab, zerren und ziehen gierig aneinander.

Komisches Duett

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Komischer Höhepunkt ist ein Paar, das sich beim Tanz gegenseitig die elastischen, weiten Kostüme über Kopf, Schultern und Arme zieht und sich dabei wechselseitig fast stranguliert. Was auch immer der andere anbietet, nie ist es das Erwartete.

Ganz anders dagegen die Reaktionen der Zuschauer: Bravos und tosender Beifall kamen nicht unerwartet. Ein Schattendasein muss die Doppelcompagnie „nordwest“ mit diesem Tanzstück jedenfalls nicht führen. Damit können die beiden Theater sich auch andernorts sehen lassen.

Karten: 0441/22 25 111

Alle NWZ-Theaterkritiken www.NWZonline.de/theater


 



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