Schauerdrama in Werkshalle
Opernpremiere „Tosca“ von Giacomo Puccini auf dem Oldenburger Fliegerhorst
von Werner Matthes
Oldenburg - Gustav Rueb, Regisseur von Puccinis realistisch-drastischer Oper „Tosca“, hat sich mit seinem Bühnenbildner Florian Barth und der Kostümbildnerin Larissa Hartmann viele Gedanken gemacht – über den historischen Standort des Werks, seine Bezüge zur Gegenwart, auch wie man Zeitsprünge in diesem Schauerdrama realisiert. Schließlich über Visionen utopisch-unschuldiger Kindheit, über Seelenduelle zwischen Tosca und Scarpia, dem perfiden Taktierer und lüsternen Peiniger der Primadonna.
Teuflische Hintergründe
Über solche Spirale von Liebe und Tod (des geliebten Malers Cavaradossi und seiner Tosca) vergisst man fast die Probleme und Fallen, die eine Aufführung in Halle 10 des Fliegerhorstes bereithält. Da bleibt der 1. Akt, schon erfüllt von atemloser Dramatik, auf Guckkasten-Bühnen-Format eingeengt, ohne Möglichkeit einer differenzierten Aktion.
Überzeugt hier manches allenfalls durch geschicktes Arrangement, so überrascht der 2. Akt mit modernistischer Nüchternheit des Ambientes, das die Werkshallen-Aura reflektiert, überrascht auch mit zeitbezogenem Video-Kunstgriff – etwa für das Kantaten-Ensemble zur Feier des vermeintlichen Sieges über Napoleon, zu sehen im Miniformat. Aber es gibt – etwa die Luke zum Verlies für den verhafteten Cavaradossi – auch einiges, das alle teuflischen Hintergründe eher sanft erheiternd konterkariert.
Auf Toscas Verzweiflungssprung von der Engelsburg, nachdem ihr der hinterhältige Mord am Geliebten bewusst wird, wartet man hier vergebens. Es gibt keine Engelsburg, nur eine leere Bühne im 3. Akt. Tosca findet stattdessen, nicht ganz plausibel, an der Schwelle der zuvor zur Seite geschobenen Kirchenraum-Bühne – stechend grell illuminiert und doch unsichtbar – ihren Tod.
Der Drehbühnen-Effekt, der Zeitläufte zwischen den Akten „durchlässig“ macht, wird von Hand „betätigt“ – Zeichen dafür, wie manches in dieser Aufführung, mit Blick auf die Gegebenheiten des Spielorts, trotz mancher Ausgespartheit geschickt bewerkstelligt ist.
Für das Seelen-Panorama dieser makabren Dreier-Beziehung, für die Charaktertöne ihrer Figuren Tosca, Cavaradossi, Scarpia bleibt genügend Raum. Und der wird von den Protagonisten, dank stimmlich glänzender Disposition, auch vorzüglich genutzt. Irina Wischnizkaja (Titelpartie) ist eine Sängerin von höchster Bühnenpräsenz, die im Melodram um Liebe, Eifersucht und Mord eine makellose Stimmführung mit leidenschaftlich-leuchtendem Espressivo vereint.
Große Stunde
Technisch bravourös, jenseits tenoraler Schmetter-Effekte wunderbar ausdruckstief und reich an Farbe, meistert Alexej Kosarev seine Cavaradossi-Partie. Für den Tyrannen Scarpia, Genussmensch voll Bosheit und Raffinesse, bringt Nico Wouterse alle Vorzüge eines facettenreichen Charakterbaritons ein.
Auch mittlere und kleine Partien, darunter Andrey Valiguras als Angelotti, sind angemessen besetzt. Für die meisterlich vorbereiteten Chöre, einschließlich Knaben des Kinder- und Jugendchors, ist es die große Stunde.
Dirigent Thomas Dorsch hatte, bei breiten Tempi, einige Mühe, den hier akustisch bedingten Breitwandklang des Orchesters zu dämpfen und zu strukturieren. Dramatischer Impuls und enge szenische Verzahnung der Partitur sind dennoch deutlich geworden. Dafür gebührt dem Dirigenten aller Respekt.
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