Drama der beschädigten Seele
Oper Wagners „Walküre“ als Neuinszenierung auf dem Oldenburger Fliegerhorst
Erschöpfung und Entsetzen: Szene mit Rachel Tovey (Brünnhilde), Derrick Ballard (Wotan) und – liegend – Valéry Suty (Sieglinde). BILD: Hans Jörg Michel 
von Werner Matthes
Oldenburg - Muss der Betrachter, der in die jüngste Oldenburger Neuinszenierung von Wagners „Walküre“ gerät, gründlich umlernen? Ja und nein. Ja, weil er alle naturalistisch-ausführlichen Bühnenangaben des Autors, nahezu alle Relikte von Mythos und Stimmung vermisst.
Nein, weil es dem Regisseur K. D. Schmidt gelingt, nicht die Aura, wohl aber die Bewandtnis des Werkes zum Kammerspiel zu verdichten, seine Figuren, ihre Beladenheit und komplexe „Geschichte“, gar Abgründe ihrer Psychologie zu entfalten; auch weil es gelingt, sie jenseits von großer Bühnen-Schau gleichsam „zu sich selbst“ kommen zu lassen.
Mobile Bühnengestalt
So konzentriert man sich, nicht abgelenkt, tatsächlich auf die Figuren, ihre oft knappen, oft höchst bedeutungsgeladenen Gesten und Gänge, auf die Spannung, die über kleinste und größte Entfernung daraus erwächst.
K. D. Schmidt hat, zusammen mit Henrik Ahr und Oliver Helf, eine Bühnengestalt geschaffen, die mobile Flächen multifunktional einsetzt: als begrenzende Wände und Schattenwurf-Flächen für Hundings Hütte im 1. Akt, für Video-Projektionen, die den Einbruch des „Wonnemonds“ (allerdings trivial) illustrieren, im 2. Akt als Projektions- und Schattenwurf-Flächen, die Wotan, den einsam gewordenen Ehebrecher, ganz privat als Zeitfigur erscheinen lassen. Ein Weiterdenken des Werkes in Richtung Moderne, vor allem der Wotangestalt, des verstrickten Weltenordners, zerbrechend zwischen Verträgen und Machterhalt, Selbsttäuschung und Depression, ist ja so abwegig nicht.
Vieles an Schmidts Konzept ist eindrucksvoll und plausibel, anderes, wie projizierte Flugzeuggeschwader im 2. Akt, wirkt eher bemüht, wiederum anderes, etwa wie Siegmunds Schwert Nothung an Wotans Speer zerbricht (Ende des 2. Akts), ist schon erklärungsbedürftig.
Gewöhnungsbedürftig ist das Tableau auf Stühlen sitzender Walküren samt ihrer verwundeten, sich in konvulsivischen Zuckungen ergehenden Helden im 3. Akt. Der Feuerzauber am Ende (auf den alle warten) ist mit kleinem Lichtkreis um Brünnhildens Stuhl, einer Wunderkerze und flackernder Lichtprojektion eher enttäuschend.
Stimmen großen Formats
Die Solisten, die sich zum psychologisch vertieften Kammerspiel fügen, sind Sängerinnen und Sänger guten bis großen Formats. Derrick Ballard als Wotan, Abgründe eines liebenden, exaltiert-angstvollen, gescheiterten Despoten demonstrierend, gibt seiner Partie grandiose stimmliche Strahlkraft, differenzierten Ausdruck und Glanz. Gleiches gilt von dem Wälsungenpaar Sieglinde und Siegmund – Valérie Suty und Christian Voigt –, beide von eminenter, leidenschaftlicher, anrührend hingebungsvoller Präsenz.
Rachel Tovey, die Brünnhilde, entwickelt stimmliches Durchstehvermögen, Beseeltheit bis hin zu nervöser Erwartung, Klarheit in Ausdruck und Klang. Andrey Valiguras als kraftvoll singender Hunding, Zdravka Ambric als Wotan-Ehefrau Fricka, gesetzestreu-gnadenlos und im korrekten Kostüm, setzen ihre hohen Stimmqualitäten charaktervoll ein.
Dirigent Thomas Dorsch, souverän im Kontakt zu Orchester und Bühne, ist auf Deutlichkeit und Transparenz der Strukturen bedacht. Was dem 1. Akt fehlte – Binnenspannung wegen zu langsamer Tempi – wurde im Folgenden wettgemacht. Reiche Orchester-Gesten und Klangpracht bestimmten das Bild.
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