Verwirrter Erwin findet keinen Anschluss mehr
Premiere Rainer Werner Fassbinders „In einem Jahr mit 13 Monden“ im Bremer Schauspielhaus
Bremen - Erstaunlich, was das Bremer Schauspiel aus einer nicht ganz leicht bekömmlichen Vorlage gezaubert hat. Rainer Werner Fassbinders (1945–1982) Film „In einem Jahr mit 13 Monden“ wird in der Inszenierung von Alice Buddeberg zu einem anrührenden Theaterabend, der irgendwann zu einer etwas eigentümlichen Groteske umkippt. Bei der Premiere kam dies beim Großteil des Publikums aber gut an.
Der Film von 1978 zeigt auf recht stille Weise die Leidensgeschichte eines komplett vereinsamten Menschen. Der Transsexuelle Erwin findet nach seiner Geschlechtsoperation weder Anschluss noch Sinn im Leben.
Auf dem Schwulenstrich wird er verprügelt und auch an seine Existenz als Familienvater kann er nicht mehr anknüpfen, nun, da er auch äußerlich zur Frau geworden ist. Weidwund brennen seine Nerven, Selbstmord droht.
Diese Geschichte wird im Schauspielhaus äußerst wach und lebendig von allen Beteiligten gespielt. Viel Raum lässt ihnen die Bühne von Sandra Rosenstiel dabei allerdings nicht: Ganz nach vorne sind alle Figuren auf einen schmalen Streifen gedrängt, dahinter sperrt eine Wand jede weitere Bewegung ab. Die Regie von Alice Buddeberg gruppiert die (meist feindlichen) Mitmenschen aus Erwins Welt zu einem fiesen Mob, der auch mal ins chorische Deklamieren gerät. Ganz dicht vor dem Publikum können so Jan Byl, Thomas Hatzmann, Philipp M. Börner, Johanna Falckner und Franziska Schubert in sehr vielen Rollen beachtliche Bühnenpräsenz entwickeln.
Und im Mittelpunkt steht und leidet der Zwittermensch Erwin-Elvira. Dieser wird hier von Alexander Swoboda so feinfühlig und nuanciert gespielt, dass er alle Sympathien schnell auf seine Seite zieht.
Gegen Ende wird alles immer wilder: In Schweinemasken krabbelt man durchs Schlachthaus, Blut spritzt – und (leider) sind auch Fassbinders antisemitische Obsessionen zu hören. Ein „reicher Geldjude“ taucht auf, der sein Vermögen mit einem Bordell gemacht habe, das er „wie ein KZ geführt“ habe.
Diese Unappetitlichkeiten sollen vermutlich verdeutlichen, dass der arme, verwirrte Erwin letztlich der einzige Normale in einer sonst labilen Welt ist.
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