OLDENBURG, 23. Mai 2011


Neid hat immer eine Lobby

Premiere Händels Oratorium „Saul” wird als Oper zum Geniestreich


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Zwischen Himmel und Hölle: eine Szene aus der Oper „Saul“ nach dem Oratorium von Händel Probenbild: Andreas J. Etter  Bild vergrößern

Regisseurin Lydia Steier lässt die barocke Pracht aus den Fugen geraten. Dirigent Andreas Spering beflügelt Musiker und Sänger.

von Horst Hollmann

Oldenburg - Der König thront im Wolkenkuckucksheim. Unter ihm wird die Welt aus den Angeln gehoben. Als er herabsteigt, kommt er in den Trümmern um. Extrem ist die Fallhöhe des Saul in Georg Friedrich Händels gleichnamigem Oratorium von 1739, ein Geniestreich die Umsetzung zur Oper von Regisseurin Lydia Steier. In Halle 10 auf dem Fliegerhorst wird die letzte Neuinszenierung des Musiktheaters zum grandiosen Abgesang auf die Dimensionen der Interims-Spielstätte des Staatstheaters.


Große Gefühle
Extrem sind auch die Eckdaten für die geistige Wende in diesem biblischen Stoff. „Tausende” hat Saul, der alte Herrscher, weggemetzelt, „Zehntausende” aber der neue Held David. Das macht den smarten politischen Leisetreter beim Volk zum Popstar, zum zukünftigen König. Der machtgierige Saul setzt dagegen: „Wenn mir der Himmel die Hilfe verweigert, dann hole ich sie in der Hölle!“

Die Geschichte um Mord, Selbstmord, Intrige, Neid und große Gefühle endet folglich in der Hölle. Die karikierte barocke Repräsentationspracht mit Gassen-Kulissen (Bühnenbild: Katharina Schlipf) wird zunehmend demontiert. Die Plüsch- und Pomp-Gesellschaft (Kostüme: Ursula Kudrna) entledigt sich ihrer Perücken und schnürenden Mieder. Wie Kobolde von Shakespeare mischen sich mit unwiderstehlicher Grazie die Neid-Teufelchen als Sauls falsche Berater ein.

Am Ende geistert der irre gewordene Saul nach dem Mord am eigenen Sohn durch eine Wüstenei voller leerer Plastikstühle. Als auch noch David traditionell den Boten schlechter Nachrichten erschlagen hat, beklagt der berühmte Trauermarsch keine menschlichen Schicksale, sondern eine Geisteshaltung. Dann transportiert der Gabelstapler die Leichen ab.

Die Gegensätze und Emotionen sind spannend vertieft statt nur oberflächlich ausgemalt. Sängerensemble, der prächtige Chor mit Extrachor von Thomas Bönisch und das Staatsorchester sind zu gleichen Teilen die Stars.

Andreas Spering beflügelt das schon vor dem zweiten Akt ostentativ gefeierte Orchester zu enormer Klangschönheit und Differenziertheit. Abgestuft deutlich und mitreißend lebendig gewinnt das Formelhafte der Musik tiefen Atem. Man verfolge nur jene chromatisch absteigende Linie als Vision von Sauls Untergang.


Üppige Ausstattung
Inmitten der üppigen Personal-Ausstattung bis hin zu Kindersoli tragen fünf Sänger mit vielschichtigen Charakterisierungen, beweglichem barocken Ziergesang und sinnlichem Klangreiz die Hauptlast: Derrick Ballard als Saul, Daniel Ohlmann, Inga-Britt Andersson, Mareke Freudenberg als seine Kinder Jonathan, Merab, Michal und der Countertenor Magid El-Bushra als David.

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Alle Zerstörungen übersteht nur die duftende Muttererde auf der Bühne unbeschadet. Man ahnt: Sie bleibt, damit sich auf ihr Geschichte wiederholt. Im Finale sitzt David auf einem Thron in Economy-Format – aber schwupps: Die Teufelchen umgarnen ihn schon. Neid behält immer seine Lobby.






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