Neid hat immer eine Lobby
Premiere Händels Oratorium „Saul” wird als Oper zum Geniestreich
Zwischen Himmel und Hölle: eine Szene aus der Oper „Saul“ nach dem Oratorium von Händel Probenbild: Andreas J. Etter 
von Horst Hollmann
Oldenburg - Der König thront im Wolkenkuckucksheim. Unter ihm wird die Welt aus den Angeln gehoben. Als er herabsteigt, kommt er in den Trümmern um. Extrem ist die Fallhöhe des Saul in Georg Friedrich Händels gleichnamigem Oratorium von 1739, ein Geniestreich die Umsetzung zur Oper von Regisseurin Lydia Steier. In Halle 10 auf dem Fliegerhorst wird die letzte Neuinszenierung des Musiktheaters zum grandiosen Abgesang auf die Dimensionen der Interims-Spielstätte des Staatstheaters.
Große Gefühle
Extrem sind auch die Eckdaten für die geistige Wende in diesem biblischen Stoff. „Tausende” hat Saul, der alte Herrscher, weggemetzelt, „Zehntausende” aber der neue Held David. Das macht den smarten politischen Leisetreter beim Volk zum Popstar, zum zukünftigen König. Der machtgierige Saul setzt dagegen: „Wenn mir der Himmel die Hilfe verweigert, dann hole ich sie in der Hölle!“
Die Geschichte um Mord, Selbstmord, Intrige, Neid und große Gefühle endet folglich in der Hölle. Die karikierte barocke Repräsentationspracht mit Gassen-Kulissen (Bühnenbild: Katharina Schlipf) wird zunehmend demontiert. Die Plüsch- und Pomp-Gesellschaft (Kostüme: Ursula Kudrna) entledigt sich ihrer Perücken und schnürenden Mieder. Wie Kobolde von Shakespeare mischen sich mit unwiderstehlicher Grazie die Neid-Teufelchen als Sauls falsche Berater ein.
Am Ende geistert der irre gewordene Saul nach dem Mord am eigenen Sohn durch eine Wüstenei voller leerer Plastikstühle. Als auch noch David traditionell den Boten schlechter Nachrichten erschlagen hat, beklagt der berühmte Trauermarsch keine menschlichen Schicksale, sondern eine Geisteshaltung. Dann transportiert der Gabelstapler die Leichen ab.
Die Gegensätze und Emotionen sind spannend vertieft statt nur oberflächlich ausgemalt. Sängerensemble, der prächtige Chor mit Extrachor von Thomas Bönisch und das Staatsorchester sind zu gleichen Teilen die Stars.
Andreas Spering beflügelt das schon vor dem zweiten Akt ostentativ gefeierte Orchester zu enormer Klangschönheit und Differenziertheit. Abgestuft deutlich und mitreißend lebendig gewinnt das Formelhafte der Musik tiefen Atem. Man verfolge nur jene chromatisch absteigende Linie als Vision von Sauls Untergang.
Üppige Ausstattung
Inmitten der üppigen Personal-Ausstattung bis hin zu Kindersoli tragen fünf Sänger mit vielschichtigen Charakterisierungen, beweglichem barocken Ziergesang und sinnlichem Klangreiz die Hauptlast: Derrick Ballard als Saul, Daniel Ohlmann, Inga-Britt Andersson, Mareke Freudenberg als seine Kinder Jonathan, Merab, Michal und der Countertenor Magid El-Bushra als David.
Alle Zerstörungen übersteht nur die duftende Muttererde auf der Bühne unbeschadet. Man ahnt: Sie bleibt, damit sich auf ihr Geschichte wiederholt. Im Finale sitzt David auf einem Thron in Economy-Format – aber schwupps: Die Teufelchen umgarnen ihn schon. Neid behält immer seine Lobby.
- „Don’t dance!“, hatte Sharon Eyal den elf Tänzern eingeschärft. Nicht tanzen? Was die Haus-Choreografin der Batsheva Dance Company verlangte, war vielleicht das Schwierigste überhaupt: Die Tänzer sollten ihre bisherigen Vorstellungen vom Tanzen schlichtweg über den Haufen werfen.mehr
- Die Sparte des Niederdeutschen Schauspiels am Oldenburgischen Staatstheater hat den mit 3000 Euro dotierten Willy-Beutz-Preis erhalten. Mit dem Preis zur Förderung des Niederdeutschen Schauspiels wurde die Inszenierung „Goot gegen Noordwind“ von Daniel Glattauer unter der Regie von Dominik von Gunten ausgezeichnet.mehr
- Umbrüche, Skandale und die Suche nach einer neuen Ästhetik – die Jahrzehnte um und nach 1900 gehörten zu den spannendsten Zeiten der Musikgeschichte. An keinem Ort wurde dies so deutlich wie in Paris.mehr
- Der Übersetzer Frank Heibert erhält den mit 15 000 Euro dotierten Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis. Vor allem für das Meisterwerk des amerikanischen Autors Don DeLillo „Unterwelt“ habe Heibert eine Sprache gefunden, die diesem Roman auch in Deutschland zu einem großen Erfolg verholfen habe, teilte die Rowohlt-Stiftung mit Sitz in Hamburg am Sonntag mit.mehr
- Der neue Film von Michael Haneke, „Liebe“, ist bei der ersten Vorführung in Cannes euphorisch gefeiert worden. In dem Werk erzählt der österreichische Regisseur von einem älteren Ehepaar um die 80.mehr


