RASTEDE, 18. November 2011


Abend zwischen Trug und Trugschluss

Premiere Rasteder Theater Orlando mit „Belvedere“ von Anna-Maria Bamberger


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Ärztin und Patient: Sylvia Meining und Ulf Goerges in „Belvedere“ BILD: Peter Kreier  Bild vergrößern

von Regina Jerichow

Rastede - Ist das nun ein Segen oder doch eher ein Fluch? Die überbordende Fantasie, über die Anton verfügt, ist für den berühmten Dramatiker einerseits ein Glücksfall. Andererseits hat sie ihn geradewegs in die Nervenheilanstalt befördert, wo er nun auf dem Bett sitzt, kniffelige literarische Kreuzworträtsel löst und genussvoll seine an den Nägeln herumkauende Ärztin fertigmacht, indem er ihr testweise die Rätselfragen stellt. Wohl wissend, dass Dr. Taube da passen muss und noch mehr in Ehrfurcht erstarrt.

Ulf Goerges in der Rolle des knurrigen, renitenten Autors ist schon ein kleiner Fiesling – einem Ekel Alfred nicht unähnlich –, wie er da schimpft, zetert und sich aufplustert. Vor allem Frauen haben es mit ihm nicht gerade leicht. Die Besucherin, die unerwartet in seinem Zimmer auftaucht, scheint allerdings die raue Schale aufweichen und verschüttete Erinnerungen an eine längst vergangene Liebesgeschichte wecken zu können. Anton benötigt nicht viel, um im Gedankenflug mal eben 35 Jahre zurückzulegen und noch einmal mit Stefanie durch den Regen zu laufen.

So plastisch, so authentisch – oder etwa nicht? Dr. Taube hat ihre Zweifel an der Existenz der Besucherin. Wegen solcher Halluzinationen ist Anton schließlich in der Klinik mit dem schönen Namen „Belvedere“ gelandet.

Genauso heißt auch das Stück, mit dem sich das Rasteder Theater Orlando – Niedersachsens kleinste Bühne – nach einjähriger Pause zurückmeldet. Die Premiere des Zimmertheaters im Palais, gefüllt mit vielen Sponsoren und lokaler Prominenz, ist wie gewohnt eine wunderbar intime Angelegenheit, die beiden Schauspieler – Goerges und Sylvia Meining in der weiblichen Doppelrolle – fast in Griffweite. Ein eingespieltes Schauspielteam, das seinen offenkundigen Spaß an der Sache bis in die letzte (zweite!) Reihe des Zimmertheaters transportiert.

Das psychologisch höchst raffinierte, gut einstündige Kammerspiel, das den Zuschauer aus der Realität in die Imagination und wieder zurück schleudert, stammt von Anna-Maria Bamberger. Die in Bukarest geborene Medizinerin schreibt zugleich überaus erfolgreiche und spannende Theaterstücke. Einige autobiografische Hinweise hat sie in „Belvedere“ eingearbeitet: Anton hat Stefanie auf der Universität kennengelernt, wo er Medizin studierte, bevor er zur Literatur wechselte. Und der russische Dramatiker Tschechow, dem Anton immer wieder im Kreuzworträtsel begegnet, war ebenfalls Arzt von Beruf. Eine Information, die die Autorin geschickt einfließen lässt.

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Die berufliche Kombination scheint jedenfalls ausnehmend gut zu funktionieren, nicht nur bei Tschechow. Bamberger und Orlando-Regisseur Björn Kruse führen die Theaterbesucher bis zuletzt an der Nase herum. Traum, Fantasie, Wirklichkeit – wo hört die schriftstellerische Freiheit auf, wo beginnt die zwanghafte Halluzination? Der Besucher im kleinen, engen Zimmertheater hat es besonders schwer, zwischen Tatsachen, Trug und Trugschluss zu unterscheiden. So kniffelig wie Antons Kreuzworträtsel.

 @ Infos: http://www.theater-orlando.de




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