Interview mit Burkhard Diest: Nichts im Leben auslassen
Interview Burkhard Driest über Kindheit im Krieg, Familie und Gefühle
von Reinhard Tschapke
FRAGE: Wann kam der erste Gedanke: Jetzt schreibe ich meine Erinnerungen auf?
DRIEST: Vor kurzem. Ich bin nun 72 und viel Zeit habe ich nicht mehr. Außerdem sind die Lebenserinnerungen für mich das interessanteste Thema, weil es mit meiner Person zu tun hat – mehr als eine ausgedachte Geschichte. Dazu kommt, dass ich als Autor im Grunde der Typ des Reisenden bin, der erzählt, was er gesehen und erlebt hat.
FRAGE: Sie haben ungeheuer viel erlebt, waren Schauspieler, saßen in Celle im Zuchthaus, ihre Talkshow-Szene mit der Schauspielerin Romy Schneider ist unvergessen . . .
DRIEST: Stimmt, seit ich 14 war und Karl May gelesen habe, wünschte ich mir, von dem wundervollen Leben nichts auszulassen. Ich hatte immer den Drang, noch diese und jene Tür aufzumachen, auf einen anderen Erdteil herumzustöbern, mal in den Dschungel zu gehen. Ich wollte nichts verpassen. Wenn man jung ist und Kraft und Fantasie hat, lockt vieles. Man möchte sehen, was sich hinter der geschlossenen Weihnachtstür verbirgt.
FRAGE: Warum nennen Sie die Erinnerungen „Roman“ und nicht Autobiografie?
DRIEST: Das war eine Erwägung des Verlages in Richtung Markt. Es sind aber meine Erinnerungen, keine Erfindungen! Schon als ich jung war, wollten die Leute etwas über mein Leben wissen. Als genetisch strukturierter Oppositioneller habe ich gesagt, so spannend ist mein Leben nicht – oder zu spannend. So oder so: Ich wollte nicht. Jetzt funktionierte es, und mein Verlag unterstützte mich darin, mich nach Fuerteventura zurückzuziehen, um mein Leben aufzuschreiben. Ich habe ja davor Kriminalromane geschrieben, die aufwendige Recherchen verlangen, dagegen war dies eine Erholung.
FRAGE: Das Buch endet mit der Flucht 1945 vor der Roten Armee in den Westen. Warum werden in „Die Maikäfer und der Krieg“ nur die ersten Jahre Ihres Lebens geschildert?
DRIEST: Diese sechs Jahre sprechen mich schon rein intellektuell stark an. Ich bin Jahrgang 1939, es ist die Zeit des Krieges zwischen 1939 und 1945. Das ist das große deutsche Thema.
FRAGE: 65 Jahre liegen zwischen Erleben und Aufschreiben. Wie erinnert man sich an seine früheste Kindheit?
DRIEST: Das war das Spannende: Ich wusste am Anfang nicht so genau, was dabei herauskommt. Ich habe mich isoliert, mich auf den Rücken gelegt und Techniken aus der Analyse angewandt, um Erinnerungen in meinem Gedächtnis hochkommen zu lassen. Das habe ich dann in Worte gefasst. Ich war verblüfft, was ich plötzlich wieder wusste.
FRAGE: Es waren schlimme Erlebnisse dabei, gerade beim Vormarsch der Roten Armee, Geschichten von betrunkenen, mordenden und vergewaltigenden Russen. Es war eine verrohte Welt. Wie haben Sie diese Kindheit verarbeitet?
DRIEST: Ich habe gelesen, dass Menschen, die solchen Erlebnissen ausgesetzt sind, traumatisiert werden. Ich war traumatisiert. Deshalb hab ich die schlimmsten Erinnerungen lange ausgeblendet. Es gibt bis auf die „Blechtrommel“ von Grass deshalb wenig Literatur zu der Zeit.
FRAGE: Wühlte Sie die Erinnerungsarbeit tüchtig auf?
DRIEST: Nein, seltsamerweise nicht. Das Ganze habe ich im Rückblick wie in einem Film gesehen.
FRAGE: In dem Buch kommt besonders die Liebe zu Ihrer Mutter zum Vorschein.
DRIEST: Das war eine tief empfundene Liebe, die bis zu ihrem Tod bestand. Ich liebe sie heute noch. Ich denke heute noch daran, wie hingerissen ich war, wenn etwa ihr blondes Haar im Wind wehte. Oder ihre blauen Augen leuchteten. Diese Bilder tragen bei mir die Emotionen. Mir ist ja erst im Alter die Bedeutung von Familie klar geworden. Ich habe ein enges Verhältnis zu meinem Sohn und meiner Tochter, er studiert in Barcelona, meine Tochter schreibt in Berlin an ihrem fünften Roman.
FRAGE: In ihrem frühen, berühmten Werk „Die Verrohung des Franz Blum“ haben Sie Emotionen völlig ausgeblendet.
DRIEST: Stimmt, die „Verrohung“ war ein Buch im sachlichen Stil, die Geschichte eines Strafgefangenen. Die Wirkung sollte durch den sehr coolen Stil entstehen. Später habe ich daran gezweifelt, das Buch hatte für mich zu wenig Gefühl.
FRAGE: Wird es einen zweiten Teil der Erinnerungen geben? Vielleicht bis zu dem spektakulären Banküberfall, den Sie im Mai 1965 begingen?
DRIEST: Ich schreibe schon daran. Das taucht jetzt alles wieder in meinem Gedächtnis auf. Und da frage ich mich zum Beispiel: Wie hieß der Staubsauger der 50er-Jahre?
FRAGE: Und wie hieß er?
DRIEST: Kobold hieß das Ding.
- „Don’t dance!“, hatte Sharon Eyal den elf Tänzern eingeschärft. Nicht tanzen? Was die Haus-Choreografin der Batsheva Dance Company verlangte, war vielleicht das Schwierigste überhaupt: Die Tänzer sollten ihre bisherigen Vorstellungen vom Tanzen schlichtweg über den Haufen werfen.mehr
- Die Sparte des Niederdeutschen Schauspiels am Oldenburgischen Staatstheater hat den mit 3000 Euro dotierten Willy-Beutz-Preis erhalten. Mit dem Preis zur Förderung des Niederdeutschen Schauspiels wurde die Inszenierung „Goot gegen Noordwind“ von Daniel Glattauer unter der Regie von Dominik von Gunten ausgezeichnet.mehr
- Umbrüche, Skandale und die Suche nach einer neuen Ästhetik – die Jahrzehnte um und nach 1900 gehörten zu den spannendsten Zeiten der Musikgeschichte. An keinem Ort wurde dies so deutlich wie in Paris.mehr
- Der Übersetzer Frank Heibert erhält den mit 15 000 Euro dotierten Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis. Vor allem für das Meisterwerk des amerikanischen Autors Don DeLillo „Unterwelt“ habe Heibert eine Sprache gefunden, die diesem Roman auch in Deutschland zu einem großen Erfolg verholfen habe, teilte die Rowohlt-Stiftung mit Sitz in Hamburg am Sonntag mit.mehr
- Der neue Film von Michael Haneke, „Liebe“, ist bei der ersten Vorführung in Cannes euphorisch gefeiert worden. In dem Werk erzählt der österreichische Regisseur von einem älteren Ehepaar um die 80.mehr


