Sehnsucht nach anderer Realität
Bühne Generalintendant Markus Müller über den Erfolg des Staatstheaters
Ein Publikumsrenner: Szene aus der Oldenburger Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ BILD: Andreas J. Etter 
von Reinhard Tschapke
FRAGE: Das Staatstheater zog zu Saisonbeginn vom Ausweichquartier auf dem Fliegerhorst ins Große Haus zurück. Waren Sie skeptisch, was das Interesse der Besucher betrifft?
MÜLLER: Es war nicht zwingend zu erwarten, dass nun schon seit Monaten so viele Menschen zu uns kommen. Auf dem Fliegerhorst konnten wir oft die Nachfrage nicht bewältigen. Manche Zuschauer buchten, egal was lief, wir spürten eine Euphorie. Die war auch durch die Neugier auf die ungewöhnliche Spielstätte bedingt.
FRAGE: Offenbar lockt nicht nur das frisch restaurierte Große Haus. Existiert ein genereller Hunger nach Theater?
MÜLLER: Ja, es gibt grundsätzlich eine große Nachfrage nach Theater. Die Leute gehen ja auch ins Kleine Haus oder in unsere Exerzierhalle.
FRAGE: Schillers „Kabale und Liebe“ hat erst im Juni Premiere. Wieso können Sie da jetzt schon Zusatzvorstellungen ankündigen?
MÜLLER: Ich nenne das den Aida-Effekt. Da waren auf dem Fliegerhorst allein durch die Ankündigung von „Aida“ schon vor der Premiere alle Vorstellungen ausverkauft. Man weiß tatsächlich noch nicht, wie gut die Inszenierung von „Kabale und Liebe“ wird, es besteht einfach ein grundsätzliches Interesse. Wir sind ständig im Kontakt mit unserer Theaterkasse und beobachten das Verkaufsverhalten im Internet. Da wurden ganz massiv Wünsche geäußert.
FRAGE: Allein 33 „Zauberflöten“ sind demnächst über die Bühne gegangen. Wie viele Zuschauer konnten Sie insgesamt denn schon zählen?
MÜLLER: Wir rechnen immer für die Spielzeit ab. Doch auch das Kalenderjahr sieht gut aus: 2011 kamen insgesamt 207 283 Gäste – da haben wir ja noch bis zum Sommer auf dem Fliegerhorst und ab Herbst dann wieder im Großen Haus gespielt. Das ist mehr als in der ganzen Saison 2010/2011, da waren es 205 000. Auch nach dem Boom auf dem Fliegerhorst stehen wir hervorragend da!
FRAGE: Wie sieht die Tendenz mit Blick auf die vergangenen Jahre aus?
MÜLLER: Gut. Wenn wir die Kalenderjahre vergleichen, dann kamen 2010 insgesamt 197 000 Gäste. Dagegen haben wir uns um 10 000 Gäste verbessert, obwohl wir erst spät in die Saison gestartet sind.
FRAGE: Ist das ein Erfolg auf dem Rücken der Angestellten und der Künstler?
MÜLLER: Nein, viele Partien, etwa in der „Zauberflöte“, sind doppelt besetzt. Und wir haben die Premiere von „La Boheme“ verschoben, so dass mehr Luft im Spielplan ist. Natürlich ist die Arbeitsbelastung enorm, die Kollegen leisten sehr viel. Aber auch für Mitarbeiter und Künstler gibt es nichts Schöneres, als wenn das Haus voll ist. So gab es auf der jüngsten Personalvollversammlung keine kritischen Stimmen. Allenfalls Klagen, dass man selbst als Personal für seine Angehörigen nur schwer an Karten kommt, denn natürlich hat der freie Verkauf den Vorrang.
FRAGE: Ist Oldenburg die Insel des glückseligen Theaters? Oder ist das ein bundesweiter Trend?
MÜLLER: Ich denke, dass es derzeit eine tiefe Sehnsucht nach Gegenentwürfen zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit gibt. Aber in Oldenburg ist die Theaterbegeisterung schon außergewöhnlich groß.
FRAGE: Ein Verdienst des Intendanten?
MÜLLER: Vor allem eine große Gemeinschaftsleistung!
FRAGE: Erfolgreiche Intendanten sind in Deutschland begehrt.
MÜLLER: Es gibt dann und wann Anfragen, aber ich fühle mich sehr wohl in Oldenburg. Angebote sage ich bislang ganz automatisch ab.
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