OLDENBURG, 29. September 2011


Böser Wolf im ausführlichen Stasi-Verhör

Premiere Theater Laboratorium wagt sich an „Rotkäppchen-Variationen“


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Und Honecker guckt zu: BILD: Theater Laboratorium  Bild vergrößern

von Tobias Kolb

Oldenburg - Achtung, eine Warnung: Wer im neuen Stück „Die Rotkäppchen-Variationen“ des Oldenburger Theater Laboratoriums sentimentale „Es war einmal“-Märchen-Nostalgie erwartet, der wird enttäuscht werden. Hier wird der Wolf gebändigt, um dann wenig später mit den Menschen sein Spiel zu treiben.

Hier lädt das Rotkäppchen den bösen Wolf selbstbewusst zu sich nach Hause ein, skandiert rebellisch „Wenn mich der böse Wolf verschluckte, dann nur, weil ich es wollte“. Und irgendwann räsoniert dieser: „Je mehr ich die Menschen kenne, desto mehr Angst habe ich vor ihnen.“

„Und umgekehrt“, möchte man der phänomenalen Wolfs-Puppe entgegen rufen, die Pavel Möller-Lück in den „Rotkäppchen-Variationen“ – nun ja – zum Leben erweckt. Und umgekehrt!

Es ist nichts wie es scheint, nichts wie es aussieht, und es ist schon gar nicht das typi-sche Märchen vom Rotkäppchen, das einen in der Pre-miere erwartet. Der ersten Premiere im Theater Labora-torium seit knapp zwei Jah-ren.


Mit Haut und Haaren
Schlicht genial, was sich Pavel Möller-Lück und sein Team überlegten, um das Sujet des Rotkäppchens zu deklinieren. Ohne viel Federlesens siedelt er die Handlung in der Deutschen Demokratischen Republik der späten 1960er-Jahre an. Generalmajor Dr. Alfred Gallwitz (Möller-Lück) von der Staatssicherheit verschlägt es in ein verschlafenes Kaff in der Oberlausitz. Dort – in einer Polizei-Amtsstube – soll er den Fall des Rotkäppchens und des bösen Wolfs nochmals aufrollen, den bösen Wolf verhören. Der sitzt mit aufgeschlitztem Bauch im Knast. Gefangen vom Oberwachtmeister Frank Jäger – sympathisch bräsig gespielt von Jonathan Went – weil er angeblich das Rotkäppchen und dessen Großmutter mit Haut und Haaren gefressen haben soll. So viel Werktreue darf dann doch noch sein.

Was für ein Schachzug! Der böse Wolf als Gegenstand der Staatssicherheit. Nur in ei-nem geschlossenen System wie der DDR lässt sich dem bösen, ja freiheitsliebenden Wolf, der irgendwie in jedem von uns steckt, auf die Schli-che kommen.

Und so entfaltet sich in 100 Minuten ein kleines, feines Stück um Eros und Thanatos, um Freiheit und Angepasstheit, um Träume und triste Realität – das Ganze in der gewohnten „Theater-Laboratorium“-Detailverliebtheit und Romantik.

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Da erklärt Hanka, der Archetypus des Rotkäppchens mit roter Baskenmütze, grünem Kleid und weißen Kniestrümpfen – wunderbar unangepasst gespielt von Beatrice Bader –, dass sie sich mit dem Bösen Wolf nur über John Lennon unterhalten habe. Da werden Broiler und Würstchen mit Mostrich verputzt – DDR-Nostalgie trifft auf die Gebrüder Grimm.


Mit Handpuppe
Und wie immer bei einer Inszenierung des Theater Laboratoriums sind die Puppen von Mechthild Nienhaber – „unsere Stradivaris, mit denen ich jeden Abend spielen darf“, wie Möller-Lück im Anschluss an die Premiere erklärte – die heimlichen Stars des Stücks.

Mit viel Charme treibt die staatskritische „Großmutter“-Puppe die Handlung voran, phänomenal wie Möller-Lück in den Verhörsituationen den bösen Wolf in all seinen abgründigen Facetten aus seiner Handpuppe herauskitzelt. Ein toller Theaterabend!




 

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