KöLN, 4. März 2010


Viele Kulturgüter auf ewig verloren

STADTARCHIV-EINSTURZGEBORGENE STÜCKE SIND TEILWEISE STARK BESCHÄDIGT – KÖLNER VERBUNDBRIEFE GERETTET  


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Einsatz im Trümmerfeld: Feuerwehrleute bergen nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs Dokumente. Trotz der Bemühungen der vielen Helfer können einige beschädigte Kulturgüter nicht mehr restauriert werden. BILD: DPA Bild vergrößern

ARCHIVARIN NADINE THIEL HAT EIN EHRGEIZIGES ZIEL: WENN SIE IN 39 JAHREN IN RENTE GEHT, WILL SIE DAS LETZTE BLATT RESTAURIERT HABEN.

VON YURIKO WAHL

Köln - Nadine Thiel hat nur wenige Sekunden, um ihr Leben zu retten. An einem Dienstagmittag passiert das Unfassbare: Das Kölner Stadtarchiv stürzt ein. „Wir sind alle gerannt, in Angst und Panik. Mir war natürlich nicht klar, dass da gerade das gesamte Archivgebäude zusammenstürzt. Aber wir haben instinktiv die Gefahr gespürt und sind durch den hinteren Teil geflüchtet.“

Nach Sekunden erreicht die 28-Jährige das Freie. „Ich habe mich umgedreht – und gesehen, wie das Archiv einstürzte. Das war absolut surreal.“ Auch ein Jahr nach der Katastrophe vom 3. März 2009 hat die Chefin der Restaurationswerkstatt die Bilder noch vor Augen: „Das läuft ab wie ein Stummfilm. Komischerweise habe ich dazu keine Geräusche mehr.“

Riesiger Schutthaufen

Zum Unglückszeitpunkt sind neben Thiel 33 weitere Archiv-Mitarbeiter in dem siebengeschossigen Gebäude, außerdem zehn Benutzer im Lesesaal. Wo das bedeutende Historische Archiv mit bis zu tausend Jahre alten Kulturgütern stand, türmen sich ein paar Augenblicke später tonnenschwere Trümmer zu einem riesigen Schutthaufen auf. Auch zwei benachbarte Häuser sind in den Massen verschwunden.

„Zuerst habe ich gedacht: Da können wir im Leben nichts mehr rausholen. Aber wir hatten keine Zeit nachzudenken. Wir haben noch am selben Abend mit der Arbeit angefangen. Alle Kollegen hatten das Bedürfnis, möglichst viele Archivgüter zu retten“, erinnert sich Thiel.

Zusammen mit Ulrich Fischer, dem stellvertretenden Archivleiter, koordiniert die 28-Jährige die Bergungsarbeiten bereits wenige Stunden nach dem Unglück. Fischer ist auf der Rückreise von einer Tagung, als er telefonisch von der Katastrophe erfährt. „Das ist kein Witz, das Archiv ist eingestürzt“, hört er. Als man ihm sagt, dass alle Leute aus dem Gebäude flüchten konnten, lässt der erste Schock nach. „Da macht man gar nichts, man denkt nicht nach über Unglück oder Trost, man funktioniert einfach“, sagt Fischer.

„Wir sind noch am Abend in den nicht eingestürzten Teilbereich rein. Ungefähr 300 Leute, viele Archiv-Leute und Feuerwehrkräfte, und wir haben es geschafft, alle 65 000 Urkunden aus dem Keller zu holen, auch viele Fotos.“ Eile ist geboten, denn nasses Archivgut muss binnen Stunden schockgefroren werden, sonst ist es unwiederbringlich verloren.

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30 Regalkilometer

Das Kölner Stadtarchiv galt bis zum Einsturz als eines der größten Kommunalarchive Europas. Es umfasste 30 Regalkilometer an Dokumenten. Zu den wertvollsten Stücken gehören die Verbundbriefe von 1396, eine Art Verfassung der Stadt Köln, die 400 Jahre lang gültig blieb. Sie sind inzwischen ebenso geborgen wie zwei Handschriften des Kirchenlehrers und Universalgelehrten Albertus Magnus.

Dennoch ist angesichts der teilweise extrem beschädigten oder in winzige Teile zerlegten Archivalien klar, dass viele bedeutende Kulturgüter auf ewig verloren sind. Momentan sind die geborgenen Stücke in verschiedenen „Asyl-Archiven“ untergebracht, an mehreren Standorten wird sortiert, jeder Schnipsel umgedreht.

Kollegin Nadine Thiel hat ein Ziel: „Wenn ich in 39 Jahren in Rente gehe, dann will ich das letzte Blatt restauriert haben.“ Auch wenn die schrecklichen Bilder sie immer begleiten, ist sie doch erleichtert. „Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich noch am Leben bin.“

Sohn von Heinrich Böll gibt Stadt Köln Hauptschuld am einsturz

Der Sohn des Schriftstellers Heinrich Böll, Rene Böll (ovales Bild), hat ein Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs schwere Vorwürfe gegen die Stadt erhoben. Sie trage die Hauptschuld an dem Einsturz, bei dem große Teile des Nachlasses seines Vaters verschüttet wurden, sagte der Künstler.

Die Stadt habe den Bau der U-Bahn in Auftrag gegeben und organisiert, ihn jedoch nicht kontrolliert. Bislang habe noch niemand die Verantwortung für das Geschehen übernommen. Gemeinsam mit anderen Kölner Kulturschaffenden werde er überlegen, ob man gemeinsam gegen die Stadt vorgehen werde, sagte Böll.

Noch immer habe er keinen Überblick darüber, wie viel aus dem Nachlass seines Vaters verloren gegangen sei, sagte Rene Böll: „Es sind wohl einige Teile gefunden worden, aber was konkret, wissen wir gar nicht.“

Ein großer Teil des Nachlasses war erst etwa drei Wochen vor dem Einsturz an das Stadtarchiv übergeben worden. Darunter seien 400 Manuskripte, mehrere tausend Briefe, bis zu 8000 Fotos und Dokumente der gesamten Familiengeschichte gewesen. Der Einsturz sei eine „absolute Katastrophe“ für die Böll-Forschung, betonte Rene Böll.

Beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs waren am 3. März 2009 unzählige wichtige Dokumente aus dem Bestand beschädigt worden; zwei Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. Nach dem Einsturz, der auch zwei Nachbarhäuser mitgerissen hatte, fanden Rettungskräfte die Leichen eines 17-jährigen Bäckerlehrlings und eines 24-jährigen Studenten in den Trümmern.






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