18. März 2010


Tempo war atemberaubend

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Von Rasmus Buchsteiner

Frage: Herr Thierse, rechneten Sie im März 1990 damit, dass sich die gerade erste gewählte Volkskammer in allerkürzester Zeit durch die Wiedervereinigung überflüssig machen würde?

Thierse: Wie schnell der Prozess der staatlichen Vereinigung vorangehen würde, habe ich im März 1990 noch nicht absehen können. Meine Vorstellung war, dass wir in vernünftigen Schritten zwischen politisch gleichberechtigten Partnern die Einheit voranbringen, vielleicht in einem Prozess von zwei, drei Jahren. Aber wir konnten die Beschleunigung der Ereignisse nicht einfach ignorieren. Wirtschaftlich stand die DDR vor dem Ruin. Die Mehrheit ihrer Bürger wollte so schnell wie möglich unter das rettende Dach der Bundesrepublik.

Frage: Wie haben Sie die Arbeit in der Volkskammer in Erinnerung?

Thierse: Das Tempo war atemberaubend. Es herrschte eine besondere, eine einzigartige Atmosphäre: Wir haben miteinander Politik gelernt – über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg. Die Volkskammer war ein fleißiges Parlament, das politisch unerhört viel zustande gebracht hat: 38 Plenarsitzungen in sechs Monaten, mit der Verabschiedung von mehr als 160 Gesetzen. Die Volkskammer hat die Währungs- und Sozialunion auf den Weg gebracht, den Einigungsvertrag und die Wiedereinführung der Länder im Osten beschlossen.

Frage: Ist die deutsche Einheit inzwischen vollendet?

Thierse: Vollendet wird in der Politik nie etwas sein. Es dauert allerdings länger als es sich die meisten im März ’90 gewünscht haben.

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