Wahl beendet 40 Jahre Diktatur
VOLKSKAMMER Am 18. März 1990 fand die erste und einzige freie Abstimmung in der DDR statt
VON JUTTA SCHÜTZUND AXEL HOFMANN
Berlin - Hoffnung und Enttäuschung lagen vor 20 Jahren dicht beieinander. Am 18. März 1990 strömten die DDR-Bürger in Massen in die Wahllokale – freiwillig. Die einen hofften vier Monate nach dem Mauerfall auf die schnelle D-Mark, die anderen auf Reformen. Rund 93 Prozent der Ostdeutschen gingen zur ersten freien Wahl der DDR-Volkskammer, dem Parlament. Aus heutiger Sicht war das ein nie wieder erreichtes Traumergebnis.
Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) – selber eine ehemalige DDR-Bürgerin – markiert der Wahltag „den endgültigen Sieg der friedlichen Revolution“. Die hohe Wahlbeteiligung bezeichnet sie als Zeichen, „dass die Menschen sich mit viel Begeisterung für eine der Parteien entschieden und damit der Demokratie ihre Stimme gaben“. Vielleicht gingen auch so viele Menschen zur Wahl, weil nicht – wie in den Jahrzehnten der DDR-Diktatur zuvor – die Gewinnerin mit der SED schon vorher feststand.
Das Wahlergebnis überraschte dennoch. Entgegen allen Prognosen gewann die Allianz für Deutschland mit der Ost-CDU an der Spitze. Allein die ostdeutschen Christdemokraten kamen auf stattliche 40,8 Prozent.
Der Grünen-Politiker Otto Schily kommentierte das Wahlergebnis auf seine Art: Er hielt eine Banane in die Fernsehkameras. Der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine monierte, viele DDR-Bürger hätten wohl gemeint, „wenn wir Kohl wählen, fließt das Geld“.
Wahlsieger Lothar de Maizière, bedächtiger und nachdenklicher Chef der Ost-CDU, wurde wenige Wochen später DDR-Ministerpräsident einer Koalitionsregierung aus Allianz, Ost-SPD und Liberalen. De Maizière war nicht nur erster frei gewählter DDR-Ministerpräsident, sondern auch zugleich derjenige, der sein eigenes Amt freiwillig abschaffte.
Denn die Wahl vom 18. März sei eine Abstimmung für die schnelle Wiedervereinigung Deutschlands gewesen, sagt de Maizière heute. Er habe die Wahl als Auftrag verstanden. Auf Augenhöhe und in Würde habe er die Ostdeutschen bis zur Wiedervereinigung führen wollen, sagt der Rechtsanwalt, der nach der Wende in die große Politik gespült wurde. „Plötzlich hatte ich 16 Millionen Mandanten. Das schwierigste war der Verantwortungsdruck.“ Nach seiner Wahl am 12. April 1990 begannen die Verhandlungen mit der Bundesregierung über eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Am 3. Oktober 1990 wurde dann die deutsche Einheit wieder erreicht.
Die Wiedervereinigung sorgte dafür, dass die Arbeit der Volkskammer nach einem halben Jahr wieder zu Ende ging. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bezeichnet es im Rückblick als außergewöhnlich, „dass ein Parlament sich konstituiert mit der selbst gesetzten Aufgabe, sich möglichst bald wieder aufzulösen“.
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