OLDENBURG, 22. März 2010


Ein Leben wie auf der Rasierklinge

MISSBRAUCH Opfer aus dem Oldenburger Land berichtet – „Als Kind habe ich das Lachen verlernt“


DER 52-JÄHRIGE MANN DENKT NOCH IMMER DARAN, WAS IHM ALS KIND ANGETAN WURDE. „ICH KONNTE DAS NIE VERGESSEN“, SAGT DAS MISSBRAUCHSOPFER.

VON FRANK JUNGBLUTH

OLDENBURG - Gerd W. wächst auf dem Land auf, in einer kleinen Stadt in der Nähe von Oldenburg. Der Name des Mannes ist anonymisiert. Den Ort, in dem er aufwuchs und in dem er heute noch lebt, nennen wir nicht. Zu tief sitzt die Angst bei Gerd W., man könnte ihn erkennen. Zu groß ist die Scham über das, was er vor mehr als 40 Jahren erlebte. „Die Leute werden jetzt denken, dass das alles lange her ist. Aber ich leide bis heute“, sagt er.

Es war ein Mann, der ihn, den Jungen ansprach. Damals in den 60er Jahren, als sexueller Missbrauch, Gewalt an Kindern kaum ein Thema war. In den Heimen der Region erzogen immer noch ehemalige Kriegsteilnehmer mit Schlägen, Drohungen und Misshandlungen. Missbrauch war ein Tabuthema in jenen Jahren. Aber Gerd W. hat es erlebt.

„Es war ein Mann, der mich ansprach. Er lebte in unserer Gegend. Er muss damals so alt gewesen sein, wie ich heute bin“, erinnert sich Gerd W. daran, wie alles anfing an einem Tag im Sommer 1968 in der Nähe einer Schrebergartenkolonie am Fluss. „Wir hatten vor Erwachsenen großen Respekt. Man widersprach nicht. So waren wir aufgewachsen.“ Gerd W. ist der Zweitälteste unter den Kindern in der Familie. Die Eltern haben ein Geschäft.

Wir sind im Gespräch zurück bei dem Tag, als Gerd W. von dem Mann, den er flüchtig kennt, angesprochen wird. Er solle mal mitkommen. Was dann folgt, beschreibt er stockend. Ekel erregende Gefühle habe er gehabt, als der Mann, den er Onkel nennen musste, ihn anfasst, ihn unsittlich berührt, ihn missbraucht. „Es war alles, was man sich nicht vorstellen will.“ Viele Tage und Wochen geht das so. Immer wieder zerrt der „Onkel“ Gerd W. in seine Gartenhütte. „Irgendwann habe ich es geschafft und bin nicht mehr in die Nähe des Ortes gegangen. Das war nicht leicht, so groß war unser Ort damals nicht.“

Als die Alpträume kommen, als Gerd W. in die Pubertät kommt, denkt er, „dass das alles schon vorbeigehen wird.“ Er offenbart sich keinem Menschen. Auch seinen Eltern nicht. „Ich habe meiner Mutter erst vor zwei Jahren erzählt, was damals war. Da hatte ich alles hinter mir. Die schlimmen Jahre, die Alkoholsucht, die vom Missbrauch ausgelöst wurde, die Therapie, die mir geholfen hat, die Schatten auf meiner Seele auszuhalten, alles einordnen zu können.“

Gerd W. versucht weiter zu leben mit seinen Erinnerungen, mit den Schmerzen und Erfahrungen. „Ich dachte, ich könnte den Schalter in mir einfach umlegen“, sagt er.

Er macht eine Ausbildung. Dort gibt es erste zaghafte Versuche, Gefühle, vielleicht Verliebtheit. „Ich war aber orientierungslos. Wusste nicht, ob ich mich mehr zu Männern oder zu Frauen hingezogen fühle.“ Damals geht das mit dem Alkohol los. Er trinkt immer mehr. Später bei der Bundeswehr wird der Stress, die Angst, doch noch entdeckt zu werden, größer. Und die Kameraden spotten in der Kaserne, frotzeln immer öfter: „Warum hast Du keine Freundin. . .?“

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Heimlich wendet er sich Männern zu. Aber alle Versuche, eine Beziehung aufzubauen, scheitern. Nach dem Dienst bei der Armee übernimmt er das Geschäft der Eltern. Er verliebt sich in eine Mitarbeiterin. Aber auch dieser Versuch scheitert. „Ich werde wohl allein bleiben.“

Erst eine Therapie hilft. Durch Zufall kommt Gerd W. in eine Gruppe, in der Angstgefühle besprochen werden. Gerd W. kennt diese Ängste, seit er 10 Jahre alt ist. Angst, entdeckt zu werden. Angst, verunglimpft zu werden. Scham und Angst, abzusaufen im Strudel aus drängender Not und Alkoholsucht.

Gerd W. lebt heute alleine. In einer kleinen Wohnung. Er will alleine bleiben. „Ich bin jahrzehntelang in meinem Leben wie auf einer Rasierklinge balanciert. Der Missbrauch dieses gewissenlosen Menschen hat zerstört, dass ich so leben kann wie alle anderen. Ich habe als Kind das Lachen verlernt.“


 



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