13. August 2010


„Die sperren den Ostsektor ab“

Mauerbau Zeitzeuge Egon Bahr (SPD) über die Teilung Berlins ab dem 13. August 1961


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Sowjetpanzer ziehen sich am 28. Oktober 1961 in der Berliner Friedrichstraße von der Sektorengrenze zurück. BILD: Archiv  Bild vergrößern

Der damalige Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin erhielt die Nachricht in Nürnberg. Willy Brandt stieg in Hannover sofort ins Flugzeug.

FRAGE: Herr Bahr, wo waren Sie am 13. August 1961 und haben vom Mauerbau erfahren?
BAHR: Ich war in Nürnberg. Wir hatten dort den Auftakt zum Bundestagswahlkampf. Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister von Berlin, kandierte für die SPD gegen Bundeskanzler Adenauer. Brandt war an diesem Tag aber Slalom gefahren, weil er ahnte, irgendetwas würde in Berlin passieren. In Ost-Berlin konnte man in die S-Bahn steigen und für 20 Pfennig das politische System wechseln. Dass die DDR und die Sowjetunion irgendwann etwas dagegen unternehmen würden, war allen Beobachtern klar. Mit neuen Absperrungen rechneten wir nicht. Brandt erfuhr im Zug in Hannover davon, stieg dort in ein Flugzeug nach Berlin.

FRAGE: Und Sie?
BAHR: Kurz nach Mitternacht in der Nacht vom 12. auf den 13. August rief mich der Chef der Staatskanzlei mit den Worten an: „Du, die sperren den Ostsektor ab. Du musst sofort kommen.“ Ich fuhr nach München und nahm die nächste Maschine nach Berlin. Im Schöneberger Rathaus fand ich dann einen schlecht gelaunten, wütenden und unflätig schimpfenden Willy Brandt vor, der auf die drei Kommandanten unserer Schutzmächte einredete, wenigstens Jeeps auf die Straßen zu schicken, um den Menschen ein Zeichen zu geben.

FRAGE: Was war bis dahin genau geschehen?
BAHR: Kräfte im Osten hatten begonnen, die Straßen und Gleiswege nach West-Berlin abzuriegeln. Sowjetische Truppen hielten sich in Bereitschaft und waren an den alliierten Grenzübergängen präsent. Alle noch bestehenden Verkehrsverbindungen zwischen den beiden Teilen Berlins wurden unterbrochen. Am 10. August noch hatte die sowjetische Seite den drei anderen Mächten versichert: Es sei nichts Beunruhigendes, auch nichts in Planung, was die Rechte der drei Westalliierten beträfe. Das war so auch richtig. Ihre Zugangsrechte nach West-Berlin wurden nicht beschnitten.

FRAGE: Also wurde am 13. August noch gar nicht damit begonnen, die Mauer zu bauen?
BAHR: Der Osten hat noch drei Tage damit gewartet. Am 17. August war dann der Start des Mauerbaus.

FRAGE: Gab es Reaktionen aus den USA?
BAHR: Willy Brandt hatte einen Brief an US-Präsident John. F. Kennedy geschrieben. Kennedy sandte eine zusätzliche Kampfgruppe mit 1500 Mann über die Transitstrecke nach West-Berlin und reaktivierte General Lucius D. Clay. Am 19. August trafen Clay und US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson in West-Berlin ein und überbrachten ein Antwortschreiben Kennedys.

FRAGE: Was stand drin in Kennedys Antwort?
BAHR: Das Schreiben haben wir erst nach dem Besuch des Vize-Präsidenten gelesen. Kennedy schrieb in Kurzfassung: „Keine sehr schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg.“ Unser Eindruck: Alle vier Siegermächte wollten den Status quo.

FRAGE: Wie ging es dann weiter?
BAHR: Uns war klar, dass wegen der Teilung der Stadt, des Landes und auch Europas niemand einen Krieg wollte. Also überlegten wir: Wenn dieses Monstrum Mauer nicht wegzukriegen ist, wie können wir es durchlässiger machen, damit Verwandte und Freunde, die plötzlich getrennt waren, sich für ein paar Stunden besuchen können. So kam es zu den Passierscheinen.

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FRAGE: Was wurde aus dem Bundestagswahlkampf?
BAHR: Bundeskanzler Adenauer sprach ständig über seinen Herausforderer vom Emigranten Frahm alias Brandt und erwähnte Willy Brandts uneheliche Geburt. Das war schrecklich. Brandt hat ernsthaft überlegt, alles in Deutschland aufzugeben und nach Norwegen zurückzugehen.

FRAGE: Wie war das dann für Sie, als die Mauer fiel?
BAHR: Ich hatte zwei Gedanken. Es ist schön, dass mein Vater das noch erlebt. Und: Das ist der Anfang vom Ende der DDR.

FRAGE: Wie war das am 9. November? Was haben Sie gemacht?
BAHR: Ich war im Bundestag. Die Themen waren nicht wichtig, ich ging also nach Hause . Später machte ich den Fernseher an und sah die Menschen auf der Mauer. Und dann rief Willy Brandt an und fragte: „Da staunst Du, was? Hast Du nicht gedacht. Der Momper hat uns morgen eingeladen zur Kundgebung zum Schöneberger Rathaus.“

Egon Bahr (88, Bild: DPA) war von 1960 bis 1966 Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin und somit Sprecher des vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt geführten Senats. Von 1966 bis 1969 war er als Ministerialdirigent Leiter des Planungsstabes im Auswärtigen Amt.

als der wichtigste Berater Brandts. 1969 wurde er Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Bevollmächtigter der Bundesregierung in Berlin.






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