Der Letzte floh im Kofferraum
Mauer Lehrer überquerte im August 1989 unbemerkt die innerdeutsche Grenze
Erfolgreicher Plan: Hans-Peter Spitzner entkam als letzter DDR-Flüchtling über die Grenze. BILDer (2): DDP/EPD 
von Stephanie Höppner
Berlin - Ausgerechnet ein Zeitungsartikel des FDJ-Zentralorgans „Junge Welt“ gibt den Anstoß: „Wenn die Taschen voll sind, geht es ab in den Westen“, titelt das Blatt im Sommer 1989. Darin wird eine scheinbar gängige Praxis von Vertretern der Westmächte beschrieben, sich in Ost-Berlin das Auto mit günstigen Waren vollzuladen und damit unbesehen in den Westteil der Stadt zu fahren.
Als der Chemnitzer Berufsschullehrer Hans-Peter Spitzner den Bericht liest, ist für ihn vor allem interessant, dass Fahrzeuge der Alliierten an dem für sie zuständigen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie nicht durchsucht werden. Wenige Tage später, am 18. August 1989, wird Spitzner zum Mauerflüchtling, dem letzten in der Geschichte der DDR.
Pragmatische Gründe
„Ich habe gedacht, wenn da ein Teppich im Kofferraum drin liegen kann, passt auch ein Mensch rein“, erzählt Spitzner heute. Schon seit längerem hatte der damals 35-jährige Pädagoge über Flucht nachgedacht. Dabei spielten für den Sachsen eher pragmatische denn ideologische Gründe eine Rolle. „Die Reisefreiheit habe ich schon sehr vermisst in der DDR und auch die beschränkten Entscheidungen, die Zensur.“
Spitzners Abneigung gegen das System wird immer größer. Als er sich einer fingierten Wahl der Betriebsgewerkschaftsleitung in der Schule verweigert, kommt die Stasi, durchwühlt seine Wohnung und nimmt ihn über Nacht mit. „Das hat körperlich wehgetan, ich wurde wie ein Schwerverbrecher behandelt, wurde verhört und musste eine Geruchsprobe abgeben“, erzählt der Pädagoge. Es wird zum einschneidenden Erlebnis für ihn. Spitzner möchte weg, mit seiner Frau Ingrid und seiner kleinen Tochter Peggy ein freies Leben in Westdeutschland beginnen.
„Ich hatte zwar jetzt die Idee mit dem Kofferraum, aber das Problem war, wer nimmt mich mit?“, erzählt er. Seine Frau kann er nicht zu Rate ziehen. Sie befindet sich bereits gerade im Westen, für ein paar Tage auf Verwandtschaftsbesuch, und ahnt von seinem Vorhaben nichts.
Am 16. August fährt er daher mit seiner kleinen Tochter im Wartburg nach Ost-Berlin. Im Gepäck hat er die wichtigsten Dokumente, die er für einen Neustart braucht: Zeugnisse, Arbeitsnachweise, den Schmuck seiner Frau. „Nur die Babypuppe meiner Tochter und ein paar Wechselklamotten für sie hatte ich vergessen, das bereue ich sehr.“
Tagelang durch Berlin
Peggy weiß nur, dass sie die Mutter besuchen wollen und dass sie sich ruhig verhalten muss. Tagelang laufen sie durch die Stadt, Spitzner spricht auf der Straße etwa 20 Vertreter der Westmächte an. Nachts übernachtet er bei einem alten Kumpan aus Ferienlager-Zeiten, den er durch Zufall wiedergetroffen hat.
Am dritten Tag, Spitzner ist schon kurz davor aufzugeben, findet er schließlich den jungen US-Soldaten Eric Yaw, der sofort zusagt. Eine Bezahlung will er nicht, Spitzner bietet ihm stattdessen ein Porzellangefäß an. Der Amerikaner wird ihm das jedoch bei einem späteren Besuch im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, dem ersten Wohnsitz der Spitzners in Westdeutschland, wieder zurückgeben.
Sie fahren raus in einen Park außerhalb Berlins, innerhalb der Stadt wäre es zu gefährlich, in den Kofferraum des Toyota zu steigen. Gemeinsam mit seiner Tochter kauert er sich dort voller Angst hinein. „Für Peggy war das eher ein Spiel, sie hat mir sogar Luft zugefächelt.“ Durch einen Schlitz können sie sogar ein Stück Himmel sehen. Eine dreiviertel Stunde dauert die Fahrt durch Ost-Berlin und den Checkpoint Charlie, schließlich haben sie es geschafft. Spitzner und seine Tochter kommen ins Auffanglager.
„Meine große Angst war, dass ich meiner Frau nicht rechtzeitig Bescheid geben kann und sie wieder zurück nach Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, fährt“, erzählt er. Gemeinsam mit ihrer Mutter hält sie sich für den 65. Geburtstag einer Tante in einer Pension bei Berchtesgaden auf. Spitzner erreicht die Wirtin und diktiert ihr über das Telefon: „Ingrid, auf keinen Fall in die DDR zurück.“ Der kleine Zettel mit der unleserlichen Handschrift erreicht die Frau noch rechtzeitig. Sie fliegt nach West-Berlin, die Familie ist bald vereint. Dass nur wenige Wochen später die Mauer fällt, ahnt niemand.
Knapp 1400 Kilometer war die innerdeutsche Grenze lang. Die Mauer um den Westteil Berlins umfasste 155 Kilometer. 43 Kilometer davon trennten das Stadtgebiet von Ost- und West-Berlin.
127 Kilometer Signalzäune gab es vor der Mauer. 105 Kilometer Gräben sollten ein Durchbrechen mit Autos verhindern.
Zwölf S- und U-Bahnlinien sowie 193 Straßen unterbrach die Mauer.
11 500 Soldaten kontrollierten die Grenze rund um Berlin. Sie spähten von 302 Beobachtungstürmen nach „Grenzverletzern“.
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