FRANKFURT, 24. Dezember 2011


Menschenleben in Tibet 120 Euro wert

Menschenrechte Chinesische Polizei zahlt „Abfindung“ für Folteropfer


von Gunars Reichenbachs

Frankfurt - Was ist ein Menschenleben wert? Nicht viel, wenn es sich um einen Tibeter handelt, der in chinesischem Polizeigewahrsam durch Folter stirbt. Behörden boten der Familie des jungen Tibeters Chonjor eine „Abfindung“ von umgerechnet 120 Euro für den Tod des Sohnes im Gefängnis an. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte in Frankfurt/Main (IGFM) sorgte dafür, dass dieser erneute Fall von Mord und Gewalt in dem Himalaya-Land publik wurde.

Chonjor gehörte weder der Opposition noch einer Untergrundgruppe an. Der junge Tibeter beging allein das „Verbrechen“ am 8. Dezember mit einem Motorrad auf dem Weg in das Kloster Labrang Tashikyil in der Provinz Amdo in eine Polizeikontrolle zu geraten. Militärpolizei nahm ihn fest – und folterte den jungen Tibeter mit großer Sicherheit. Als Angehörige einen Tag später vor dem Gefängnis auftauchen ist Chonjor tot.


Öffentlicher Protest
Nachdem Tibeter aus dem Heimatdorf und hochrangige Mönche öffentlich Protest bei der Polizeibehörde einlegen, bieten die Behörden überraschend eine „Abfindung“ für die Familie an: Mit 120 Euro soll der Tod Chonjors vergessen werden.

Die IGFM spricht von einer „pietätlosen Panikreaktion der chinesischen Behörden, um eine Welle der Empörung durch Tibeter zu unterdrücken“. Tibetische Blogger diskutieren den Fall im Internet. Chinas Polizeikräfte reagieren gereizt. „Zahlreiche Tibeter wurden kurzzeitig festgehalten und vernommen“, berichtet Dolkar Kyab, Mitglied des tibetischen Exil-Parlaments.

Damit nicht genug. Tibetische Blogger berichten Tage später von einem schweren Zwischenfall an der Technischen Universität im chinesischen Chengdu. Dort brachen chinesische Studenten in die Schlafräume ihrer tibetischen Kommilitonen ein, schlugen sie und zerstörten die Einrichtung. Angeblich riefen sie: „Schlag einen Tibeter und Du bekommst Bonus-Punkte.“

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Nervös wegen Jahrestag
Für die IGFM sind solche erneuten Gewaltexzesse ein Anzeichen für die Nervosität chinesischer Behörden mit Blick auf den erst kürzlich vorbeigegangenen Jahrestag des Einmarschs der chinesischen Armee in Tibet. Am 7. Oktober 1950 besetzten Pekings Truppen den Nachbarstaat und setzten die Souveränität schrittweise außer Kraft. Seitdem wurden mehrere Aufstände der Tibeter blutig niedergeschlagen und bis zu 90 Prozent aller religiösen Einrichtungen zerstört.






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