Nach Ausschreitungen große Wut auf Polizei
ÄGYPTEN Spieler vom Kairoer Club wollen nie wieder antreten
Ägyptische Jugendliche stehen im Stadion der nordägyptischen Stadt Port Said direkt vor den Flammen. Bei den Ausschreitungen kamen mehr BILD: dpa 
von Mey Dudin
Kairo - Nach den blutigsten Krawallen in der ägyptischen Fußballgeschichte mit mehr als 70 Toten und 1000 Verletzten wächst im Land die Angst vor einer neuen Gewaltwelle.
Wie Fernsehaufnahmen zeigten, hatten Polizei und Militär am Mittwoch in Port Said tatenlos zugesehen, wie Zuschauer mit Flaschen, Steinen und Messern regelrecht Jagd auf Spieler und Fans des Kairoer Traditionsclubs Al-Ahli machten. Ahli-Fans, die eine prominente Rolle bei der vor einem Jahr begonnenen Revolution in Ägypten spielten, kündigten Demonstrationen gegen den herrschenden Militärrat an. Die Spieler des Clubs wollen nie wieder antreten.
Der herrschende Militärrat verkündete drei Tage nationale Trauer. Das Parlament will jetzt binnen einer Woche die genauen Umstände für das Blutvergießen klären lassen. Ursache dafür sind nicht enden wollende Spekulationen, dass die Gewalt politisch motiviert war.
Ziel sei es, die Revolution zu diskreditieren und den demokratischen Wandel zu stoppen, hieß es in Online-Diskussionsforen. Das Militär wolle Chaos säen, um sich als Schutzmacht unverzichtbar zu machen. Nach einer anderen Theorie wollten die Sicherheitskräfte den Ahli-Fans einen Denkzettel verpassen, weil sie Demonstranten vor der Gewalt des Militärs schützten.
Wegschauen statt helfen
Die islamistische Muslimbruderschaft kritisierte die Polizei scharf: Die Sicherheitskräfte hätten bei dem Fußballspiel in Port Said weggeschaut und nichts getan. Sie beschuldigte Kräfte, die in enger Verbindung zum früheren Regime von Langzeitmachthaber Husni Mubarak stünden.
Ausschreitungen von gewaltbereiten Fans untereinander oder mit der Polizei sind in ägyptischen Fußballstadien Woche für Woche an der Tagesordnung. Aber solche Gewaltexzesse mit Toten wie nach dem Fußballspiel zwischen den rivalisierenden Clubs Al-Masri und der Gastmannschaft Al-Ahli aus Kairo hat es bislang nicht gegeben.
Die Heimmannschaft hatte 3:1 gewonnen.
Al-Ahlis Trainer Manuel José sagte, viele Menschen seien in der Umkleidekabine gestorben. „Die Schuld hat einzig und allein die Polizei. Es waren Dutzende im Stadion, aber die waren plötzlich alle verschwunden oder haben gar nichts unternommen“, sagte er dem portugiesischen TV-Sender SIC.
Für viele Spieler brach eine Welt zusammen. „Es ist vorbei. Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie wieder Fußball spielen werden“, sagte Torwart Scharif Ikrami dem Fernsehsender ONTV nach einem Bericht von „Bild.de“.
FIFA-Präsident Sepp Blatter sprach von einem schwarzen Tag für den Fußball. „Ein solches Drama ist jenseits des Vorstellbaren und darf nicht geschehen“, sagte er. „Wir müssen sicherstellen, dass sich solch eine Katastrophe nie mehr wiederholt“, heißt es in einem offenen Brief vom Donnerstag.
Die Opposition attackierte das Militär scharf. Die Bewegung des 6. April, die mit ihren Massenprotesten vor einem Jahr den Sturz Mubaraks herbeigeführt hatte, erklärte, die Generäle verursachten das Chaos, um die Ägypter davon zu überzeugen, dass das Land ohne den Militärrat nicht zu regieren sei.
Vorgesehen ist, dass der Militärrat um Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi die Macht bis Ende Juni an einen neu gewählten Präsidenten abgibt.
Die Jugendbewegung fragte: „Ist es logisch, dass der Militärrat für gewaltfreie Wahlen sorgt, aber ein Fußballspiel nicht absichern konnte?“
Vorwürfe zurückgewiesen
Ein für die öffentliche Sicherheit zuständiger Militärvertreter, Ahmed Gamal, wies in der Tageszeitung „Al-Tahrir“ jegliche Schuld zurück. Es habe einen guten Sicherheitsplan bei dem Fußballspiel gegeben, sagte er. Doch der Gewaltausbruch nach Abpfiff sei nicht mehr einzudämmen gewesen.
Er verglich die Ereignisse mit dem Beginn der heftigen Massenproteste am 25. Januar 2011 gegen Mubarak. Und Tränengas werde seit den blutigen Zusammenstößen auf dem Tahrir-Platz im Herbst nicht mehr eingesetzt.
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