PARIS, 7. Februar 2012


Rettungsschirm bald zugeklappt?

Schuldenkrise Geldgeber sind mit der Geduld am Ende – Auch IWF droht Griechen mit Ausstieg


Bild

ARCHIV - Eine Touristin mit Schirm besucht den Parthenon-Tempel auf der Akropolis in Athen am 09.06.2011. Bei der Rettung Griechenlands vor der Staatspleite stellen die übrigen Eurostaaten neue Bedingungen. Damit werden die schwierigen Verhandlungen zwischen griechischer Regierung und den Banken über einen Schuldenschnitt weiter kompliziert. Die Euro-Finanzminister fordern ihren griechischen Amtskollegen Venizelos auf, die Verhandlungen mit den Banken fortzusetzen und «den Zinssatz klar unter vier Prozent zu bringen». Foto: Orestis Panagiotou dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ BILD: dpa  Bild vergrößern

Merkel und Sarkozy fordern ein Sonderkonto. Im Kern dreht es sich um mehr Kontrolle für die Geberländer.

von Tim Braune Und André Stahl

Paris - Es ist ein Misstrauensvotum der Euro-Retter an die politische Klasse in Athen – und ein Ausdruck der eigenen Ratlosigkeit. Die Forderung von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Kanzlerin Angela Merkel, die Griechen sollten ein Sperrkonto zur Bedienung der Zinslast ihrer gigantischen Staatsschulden einrichten, demonstriert, dass Europa bei der Griechenland-Rettung längst in der Sackgasse gelandet ist.


Modell neu verpackt
Nur ein paar Tage ist es her, als die Bundesregierung auf dem EU-Gipfel die Griechen hart anpackte. Doch der schroff vorgetragene Plan des Finanzministeriums, in Athen einen Sparkommissar einzusetzen, entpuppte sich in der öffentlichen Wahrnehmung zunächst als Rohrkrepierer. Nach einem Aufschrei der Empörung im Kreis der Staats- und Regierungschefs musste Merkel in Brüssel zurückrudern. Selbst ihrem treuen Partner Sarkozy ging das zu weit.

Merkel hat dieses Erlebnis sacken lassen – und das Modell, neu verpackt, jetzt wieder auf den Tisch gelegt. Sonderkonto hört sich neutraler, technischer an als das Wort vom Sparkommissar.

Doch im Kern dreht es sich unverändert um mehr Kontrolle und Durchgriffsrechte für die Geberländer. Die europäischen Regierungen können ihren Bürgern nicht mehr erklären, warum sie in ein Fass ohne Boden, wie Griechenland von vielen gesehen wird, noch mehr Geld stecken. In Berlin müsste die schwarz-gelbe Koalition derzeit unter Umständen eine Niederlage fürchten, wenn im Bundestag über Griechenland abgestimmt würde.

Merkel und Sarkozy machten am Montag im Élysée-Palast keinen Hehl daraus, dass ihre Geduld am Ende ist. Aber auch der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington droht hinter den Kulissen mit einem Ausstieg aus den Hilfen. Der Rettungsschirm würde abrupt zugeklappt.

Das Extra-Konto dürfte der Versuch von „Merkozy“ sein, ein Signal der Entschlossenheit an die eigenen Gefolgsleute und Griechenlands Gläubiger zu senden. Banken und Investoren verlangen für ihren Forderungsverzicht von bis zu 70 Prozent mehr Sicherheiten, weil sie an der Verlässlichkeit des griechischen Staates zweifeln. Auf das vorgeschlagene Sonderkonto hätte die Athener Regierung keinen Zugriff. Regelmäßige, verbindliche Zinszahlungen aber könnte an den Finanzmärkten neues Vertrauen in die Griechenland-Rettung schaffen, so das Kalkül in Berlin und Paris.


Sparziele weit verfehlt
Ein Durchbruch sieht jedoch anders aus. Seit im Mai 2010 das erste Hellas-Rettungspaket aufgelegt wurde, hat Athen immer wieder alle Spar- und Reformziele weit verfehlt. Dennoch hielten die Euro-Retter an ihrer Strategie fest, die Griechen mit Zuckerbrot und Peitsche zur Vernunft bringen zu wollen. Neue Milliardenhilfen nur gegen Sparerfolge, heißt es.

ANZEIGE

Wahrscheinlich muss nun die Europäische Zentralbank (EZB) den Retter in letzter Not spielen, um den Steuerzahlern weitere Lasten zu ersparen. Ansonsten droht ein Szenario, das Merkel und Sarkozy ganz besonders fürchten: ein unkontrollierter Staatsbankrott mit einem Austritt Athens aus dem Euro-Club – und die Angst, dass dann Portugal das nächste Griechenland wird.

Parteienstreit: In der Übergangsregierung streiten sich Konservative, Rechtsgerichtete und Sozialisten über die neuen Sparprogramme. Umkämpft sind vor allem weitere Lohnkürzungen im privaten Sektor.

Troika-Forderungen: EU, Internationaler Währungsfonds (IWF) und Europäische Zentralbank (EZB) verlangen weitere Einsparungen, damit das 130-Milliarden-Hilfsprogramm freigegeben werden kann. Die „Troika“ fordert unter anderem Lohnkürzungen und die Entlassung von 15 000 Staatsbediensteten.

Gläubigerpakt: Für die Rettung müssen die Verhandlungen mit den privaten Gläubigern über einen Schuldenschnitt von rund 100 Milliarden Euro rasch abgeschlossen werden. Entscheidend ist, wie hoch die Beteiligung von Banken und Versicherungen sein wird.

Gewerkschaftsdrohungen: Die großen Gewerkschaften des Landes lassen von ihrem Konfrontationskurs nicht ab. Ein weiterer großer Streik ist bereits für diesen Dienstag angekündigt.






WEITERE ARTIKEL AUS DIESEM RESSORT
Das andere Amerika – Protest der Minderheiten

22.05.2012 - Es war eine kleine, radikale Minderheit, die in Chicago demonstrierte. Es waren Gruppen und Grüppchen, die sonst kein Gehör finden in den USA. „Gegen die Kriegsmaschinerie der NATO“, hieß die Parole.mehr

Raketen schützen vor Schurkenstaaten

22.05.2012 - Die NATO ist bei der Raketenabwehr einen wichtigen Schritt vorangekommen: Das System, das das Bündnis vor Angriffen sogenannter Schurkenstaaten wie Iran und Nordkorea schützen soll, ist in Teilen einsatzbereit.mehr

Tragik eines unbeirrbaren Träumers

21.05.2012 - Es war einer jener legendären Sonntage auf dem Barkenhoff. So scheint es. Familie und Freunde von Heinrich Vogeler versammelten sich zum Musizieren auf die stilvoll von Lorbeerbäumen und Empire-Urnen eingerahmte Terrasse.mehr

„Er wollte die Welt schöner und angenehmer machen“

21.05.2012 - FRAGE: In seinem Frühwerk malt Heinrich Vogeler vor allem romantische Märchenbilder, später beschäftigt er sich mit der realistischen Darstellung des Arbeiteralltags. Wie passt das zusammen?
ARNOLD: Es ist erst mal ein offensichtlicher Bruch, weil die Bilder natürlich einen ganz anderen Charakter haben.mehr

Ministerin: Worpswede erfolgreich

21.05.2012 - Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) hat die Schirmherrschaft über das Worpsweder Ausstellungsprojekt übernommen. Die Ausstellungen in den neu hergerichteten Räumen würden zeigen, dass der Masterplan Worpswede, für den neun Millionen Euro unter Beteiligung des Landes bereitgestellt worden sind, „auf Erfolgskurs“ ist.mehr

Anzeige
Umfrage

Steigt Fortuna Düsseldorf nach den Ausschreitungen beim Relegationsspiel zu Recht in die Fußball-Bundesliga auf?




Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Textfeld! Captcha
Marktplatz
Regional
Immobilien
Automarkt
Flohmarkt

Jobs
NWZ-Wetter
27 °C
13 °C
Details/Prognose Wetterwarnung Regenradar
 
RSS-Dienste RSS-Dienste | RSS-Dienste Webcams | Mobil | Kontakt | Impressum | Login
AktuellesAus der RegionKundenserviceMarktplatzRat und Tat