Kein Sonderfall, sondern nur Spitze des Eisbergs
Schuldenkrise Finanzwissenschaftler Homburg erwartet kein freiwilliges Ausscheiden Griechenlands
von Jörg Schürmeyer
FRAGE: EU-Kommissarin Neelie Kroes hat in einem Interview gesagt, dass die Eurozone notfalls auch ohne Griechenland überleben könnte. Teilen Sie diese Einschätzung?
HOMBURG: Dass die Eurozone auch ohne Griechenland auskäme, wird wohl niemand bestreiten. Allerdings erscheint die Aussage von Frau
Kroes eher als ein Säbelgerassel, mit dem Griechenland zum Einlenken bewegt werden soll. Im vergangenen Jahr hat Frau Kroes übrigens das Gegenteil behauptet.
FRAGE: Was würde ein Ausscheiden Griechenlands für die Eurozone bedeuten?
HOMBURG: Darüber habe ich noch nie nachgedacht, weil das Ausscheiden deutsches Wunschdenken ist: Griechenland kann nicht gegen seinen Willen ausgeschlossen werden, und freiwillig wird es kaum gehen und damit auf Milliardensubventionen verzichten.
FRAGE: Hätte Griechenland außerhalb der Eurozone bessere Chancen, sich aus der Krisensituation zu befreien?
HOMBURG: Das hängt sehr von den Annahmen ab, die man trifft. In welcher Währung zahlt Griechenland dann seine Schulden zurück? Erhält es weiter Beistand vom Rettungsschirm?
FRAGE: Deutschland und Frankreich haben die Idee eines Sonderkontos für Griechenland ins Spiel gebracht. Würde dies helfen?
HOMBURG: Das Sonderkonto ist eine gute Idee: Die Zahlungen fließen nicht an Griechenland, sondern direkt an die Gläubigerbanken. Allerdings macht dieser Zahlungsweg auch in peinlicher Weise transparent, wer durch den Rettungsschirm eigentlich gerettet werden soll – nicht die Länder, sondern die Banken.
FRAGE: Ist eine Staatspleite Griechenlands überhaupt noch zu verhindern?
HOMBURG: Eine Staatspleite Griechenlands ist genau so zu verhindern wie eine Pleite des Saarlandes oder Bremens: Die Geber zahlen unbegrenzt weiter.
FRAGE: Glauben Sie, dass Griechenland ein Sonderfall ist und man die Probleme in den anderen kriselnden Euro-Staaten in den Griff bekommen kann?
HOMBURG: Griechenland ist kein Sonderfall, sondern eher ein Vorreiter. Die Finanzpolitik anderer Staaten, darunter auch Italiens und Frankreichs, ist kaum besser und wird möglicherweise ebenfalls Rettungsbedarf auslösen. Für Portugal, Irland und Spanien
gilt das erst recht.
FRAGE: Was raten Sie Europas Politik zur Bewältigung der Schuldenkrise?
HOMBURG: Europas Politik sollte gelassener und weniger erratisch sein. Die Staats- und Regierungschefs sollten mehr auf den gesunden Menschenverstand setzen und weniger auf die Einflüsterungen der Finanzindustrie.
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