Kassenkunden flüchten vor Zusatzbeiträgen
Medizin SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach warnt vor „Drehtüreffekten“ – AOK-Verbund legt deutlich zu
Berlin - Die Krankenversicherten im Wechselfieber: Gesetzlichen Kassen, die Zusatzbeiträge erheben, laufen ihre Mitglieder scharenweise davon. Profiteure derzeit unter anderem: die Allgemeinen Ortskrankenkassen. Sie haben versprochen, 2010 keine Zusatzbeiträge zu erheben.
Aber auch eine kleine Kasse wie die hkk aus Bremen verbuchte einen Mitgliederzuwachs von 7,2 Prozent. Ihr Erfolgsrezept zur Mitgliederwerbung: Sie konnte für ihre Mitglieder 2009 einen Überschuss erwirtschaften und zahlte im März 2010 dann 60 Euro Prämie aus. Geld zurück statt Zusatzbeitrag – ein starkes Argument für Preisbewusste.
Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, warnt jedoch: „Das sind Drehtüreffekte – rein in die Kasse, raus aus der Kasse. Mit einem Wettbewerb um Qualität in der Medizin hat das nichts zu tun.“ Die Angst der Kassen, Zusatzbeiträge erheben zu müssen, könne sogar zu Kostensteigerungen in der Zukunft führen, fürchtet Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.
Acht Euro Zusatzbeitrag oder ein Prozent des Einkommens dürfen Kassen derzeit von ihren Versicherten verlangen, sofern die Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds zur Kostendeckung nicht genügen. Laut Bundesgesundheitsministerium erheben aktuell 16 Kassen solche Zusatzbeiträge, etwa ein Zehntel aller gesetzlichen Krankenversicherungen.
Die übrigen versuchen, die Erhebung so lange wie möglich herauszuzögern. Mit gutem Grund: Die DAK beispielsweise verlor im ersten Halbjahr 241 000 Mitglieder, fünf Prozent des Versichertenstamms. Sie hatte im Februar acht Euro Zusatzbeitrag eingeführt. Die KKH-Allianz, die seit März kassiert, büßte 7,6 Prozent ihrer Mitglieder ein. Die BKK Gesundheit hat an die 20 Prozent Mitglieder im Zusammenhang mit dem Zusatzbeitrag verloren. Als bemerkenswert gilt im Bundesgesundheitsministerium, dass auch bei Rentnern inzwischen eine verstärkte Wechselbereitschaft zu verzeichnen sei.
Beim AOK-Bundesverband freut man sich über „eine erfreuliche Mitgliederentwicklung“. Der AOK-Verbund konnte im ersten Halbjahr 2010 um 500 000 Versicherte zulegen. Allerdings entfällt ein nicht unbeträchtlicher Teil auch auf eine Fusion über Kassenartgrenzen hinweg – etwa zwischen AOK Niedersachsen und Innungskrankenkasse Niedersachsen. Dennoch erlauben die Daten des Bundesgesundheitsministeriums und der Kassenverbände den Rückschluss, dass der Zusatzbeitrag abschreckend wirkt. Das Gros der Kassen, das auf ihn verzichtet, hat Wettbewerbsvorteile.
Im Jahr 2013, so schätzt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, müssten alle Kassen Zusatzbeiträge erheben. Spätestens dann werde auch die Wechsellust nachlassen, weil die Unterschiede zwischen den Kassen für die Versicherten weniger krass ausfallen würden.
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