2. September 2010


Ich bin Türkin und stolz auf deutschen Pass

Integration Bochumerin gibt Sarrazin in Punkten Recht


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Froh in Deutschland: die Bochumerin Sare Yigit BILD: Privat  Bild vergrößern

Das Ruhrgebiet kämpft seit Jahrzehnten mit den Problemen der Integration. Die in Bochum erscheinenden Ruhr-Nachrichten sprachen dazu mit der städtischen Angestellten Sare Yigit. Die verheiratete Mutter von drei Kindern besitzt türkische Wurzeln.

von Peter Van Dyk

FRAGE: Eine von Sarrazins Thesen lautet, Migranten mit muslimischem Hintergrund würden sich generell schlechter integrieren als andere.
YIGIT: Bei vielem, was Herr Sarrazin sagt, denke ich: Spinnt der? Aber in diesem Punkt hat er leider Recht. Man muss aber die Hintergründe sehen: Muslime bleiben häufig unter sich, weil sie sich ausgeschlossen fühlen. Zum Beispiel werden Frauen, die im Ganzkörperschwimmanzug baden gehen, in Deutschland komisch angeguckt. Deswegen gibt es für sie eigene Schwimmbäder, eigene Fitnessstudios. Zu diesem Rückzug werden die Frauen auch ein bisschen gezwungen.

FRAGE: Sarrazin unterstellt Türken, sie wollten dauerhaft eine eigenständige Minderheit in Deutschland bilden.
YIGIT: Ich bin der Meinung, dass man sich anpassen muss, wenn man in einem anderen Land lebt. Ich bete fünfmal am Tag, trage aber kein Kopftuch. Ich lese Koran und Bibel, Weihnachten gibt es Geschenke. Wir müssen unsere Kultur hier ja nicht aufgeben und sind froh, dass auf uns Rücksicht genommen wird.

FRAGE: Integration sei eine Bringschuld der Migranten, sagt Sarrazin – ist nicht auch der Staat mitverantwortlich?
YIGIT: Es kommt mehr auf die einzelnen Menschen an. Türken wird die Integration zum Beispiel noch immer von Vorurteilen erschwert. Wir haben ein Einfamilienhaus, ich fahre Cabrio. Da heißt es dann immer: ,Wie schafft ihr das, ich hab’ nicht so viel, ihr arbeitet doch schwarz.‘ Das tun wir nicht: Ich habe drei Jobs, mein Mann hat zwei.

FRAGE: Sarrazin sagt, das deutsche Sozialsystem sei kontraproduktiv, weil durch die Komplettversorgung kein Anreiz bestehe zu arbeiten.
YIGIT: Da gebe ich Herrn Sarrazin Recht. Ich kenne Familien mit vielen Kindern, wo keiner arbeitet, die aber mehr Geld haben als wir. Manchmal komme ich nur knapp mit dem Geld aus, weil etwa Musikschule und Sport viel kosten. Und Frauen, die nicht arbeiten, kriegen noch zusätzliches Geld für Klassenfahrten und Schulmaterialien.

FRAGE: Wie wichtig ist Ihnen die Bildung Ihrer Kinder?
YIGIT: Entscheidend wichtig. Meine Älteste macht jetzt Abitur, mein Sohn ist auf dem Gymnasium, die Kleinste ist mit sieben Jahren in der dritten Klasse. Und alle haben außerschulische Aktivitäten. Ich möchte meinen Kindern geben, was meine Eltern mir damals verwehrten, auch an deutschen Bräuchen. Ich habe zum Beispiel immer auf den Nikolaus gewartet und der kam nicht. Ich habe dann gedacht, dass ich böse war – das kann eine Sechsjährige nicht verstehen. Bei meinen Kindern sollte das anders sein.

FRAGE: Bedeutet Integration automatisch den Verlust der eigenen Wurzeln?
YIGIT: Ich bin Türkin und stolz darauf, aber ich habe auch seit 15 Jahren einen deutschen Pass und bin stolz, gut integriert zu sein. Aber egal, wie sehr man sich integriert, man bleibt für die Deutschen ein Ausländer. Und in der Türkei sind wir „Deutschländer“.

FRAGE: Sarrazin fordert verpflichtende Sprachkurse. Stimmen Sie zu?
YIGIT: Das muss sein. Man muss sich in dem Land, in dem man lebt, in der Landessprache verständigen können.

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FRAGE: Kindergartenpflicht für Dreijährige?
YIGIT: Natürlich. Da beginnt ja die Vorbereitung auf die Schule.

FRAGE: Wer sich an diese Punkte nicht hält, soll finanzielle Einbußen haben?
YIGIT: Finde ich richtig. Manche Menschen brauchen eben einen Tritt in den Hintern.




 



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