4. Februar 2012


Doris, Michelle und der Stallgeruch

von Klaus BÖlling

Für Reiterinnen ist der Stallgeruch schöner als der Duft des feinsten Par­füms. Nun ist zu vermuten, dass in den Reihen der SPD die Liebhaber des Pfer­desports eher in der Minderheit sind. Es geht um politischen Stallgeruch. Der ist für gar nicht so wenige Sozial­demokraten eine fast essenzielle Vor­aussetzung für den Aufstieg in ihrer Partei und war es immer schon.

Das hat soeben die Ehefrau des Altbundeskanzlers Gerhard Schröder erfahren müssen. Doris Schröder-Köpf, eine begabte Journalistin mit plötzlich erwachtem politischen Ehrgeiz, ist bereits bei den ersten Schritten Richtung niedersächsischer Landtag, nicht unerwartet, gestolpert. Was ihr Mann schon als Juso mitbrachte, eben jenen Stallgeruch, das hat man bis eben an seiner Frau nicht wahrgenommen, schon gar nicht die Mitglieder in mehreren Ortsvereinen der Hannoveraner SPD. Die möchten der Zielstrebigen gegenüber einer älteren Genossin nicht einen „Promi-Bonus“ einräumen.

Mehr noch irri­tiert, ja verstört die Genossen, zumal die Gewerkschafter, dass sich die Frau des Altbundeskanzlers von einem US-Milliardär in den Aufsichtsrat eines von diesem Investor erworbenen Unternehmens hat komplimentieren las­sen, wohlgemerkt, auf der Arbeitgebersei­te, kaum ohne ihren Mann befragt zu haben und ohne erkennbare Qualifikation.

Die Ehefrau von Franz Müntefering muss sich Stallgeruch nicht bei ihrem Mann bor­gen. Michelle Müntefering rackerte schon als „Teenie“ an der Basis und könnte zum Ende einer „Ochsentour“ vielleicht eine Stimme junger Sozialdemokraten in der SPD-Bundestagsfraktion werden. Stallge­ruch, sieht man genauer hin, ist ein angestaubter Begriff, aber bis heute ein Synonym für die Traditionalisten und Teile der Linken. Die verdrängen bisweilen, dass sich die SPD 1959 mit dem Godesberger Programm für das liberale Bürgertum geöffnet hat, zu ihrem Vorteil.

Welchen aus der SPD-Troika, von denen einer 2013 Angela Merkel ablösen will, verbindet man überhaupt mit Stallgeruch? Nicht Steinmeier, schon gar nicht Steinbrück, am ehesten noch Gabriel, der im Schüleralter bei den „Falken“ rührig war. Keiner der Kandidaten ist auf Stall­geruch angewiesen.

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An dem mangelte es auch Helmut Schmidt. Auf dem Berliner Parteitag hat der Hamburger die Dele­gierten nicht mit „Liebe Genossinnen und Genossen“ angeredet, viele hätten das gern gehört. Bejubelt haben sie ihn dann doch. Die Kriterien für Füh­rungsaufgaben in einer Demokratie blei­ben stets die gleichen: Glaubwürdig­keit, sauberer Charakter, überlegener Sach­verstand und die Fähigkeit, dem Volk auch in Krisen Vertrauen einzuflö­ßen. Weshalb die Sozialdemokraten, sehr weise, den Wahlkampf nicht gegen die Kanzlerin führen wollen.






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