KAIRO, 4. Februar 2012


Exzesse der Gewalt in Ägypten

Unruhen Keine Einigkeit ein Jahr nach der Revolution – Jeder gegen jeden


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Mutige Demonstrantin: „Trotz Bestrafung, die Revolution geht weiter“ steht sinngemäß auf diesem Kopfband. BILD: dpa  Bild vergrößern

von Anne-Beatrice Clasmann

Kairo - „Verschwinde!“, riefen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz vor einem Jahr ihrem Langzeitpräsidenten Husni Mubarak zu. Linke Intellektuelle, Christen, Anarchisten, Islamisten, Arbeiter und die Fans des berühmten Kairoer Fußballvereins Al-Ahli standen damals Seite an Seite im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Heute kämpft in Ägypten jeder gegen jeden – mit Worten, Steinen, Knüppeln, Brandbomben oder scharfer Munition.


Korrupte Elemente
Die Ereignisse im Fußballstadion von Port Said sind nur einer von vielen Gewaltausbrüchen, die das Land seit dem Abgang des „Pharao“ erschüttert haben. Beteiligt an diesen Exzessen sind nach Einschätzung unabhängiger ägyptischer Beobachter korrupte Elemente aus dem Sicherheitsapparat, der noch aus der Mubarak-Ära stammt, sowie Randalierer, die Spaß an Gewalt haben.

Vor allem die jungen Aktivisten, die im vergangenen Januar die ersten Massenproteste gegen Mubarak organisiert hatten, haben inzwischen den Eindruck, sie seien nur noch von Feinden umgeben. Da ist der Oberste Militärrat, der seine Privilegien und seinen Schattenhaushalt vor dem Zugriff ziviler Kontrolle bewahren will. Da sind die Beamten des Innenministeriums, das weitgehend unangetastet blieb. Und jetzt kommen auch noch die Muslimbrüder hinzu, die bei ihrem Marsch durch die Institutionen nicht von den Jung-Revolutionären gestört werden wollen.

„Vor der Revolution haben wir Euch unterstützt, doch jetzt wendet ihr Euch gegen uns“, hieß es in einem offenen Brief des Aktionsbündnisses 6. April an die Muslimbrüder. In ihrem Gebaren, so der Vorwurf, ähnelten die Muslimbrüder inzwischen der verbotenen Nationaldemokratischen Partei von Mubarak.


Tiefe Enttäuschung
Auch das zum Großteil liberal denkende Bildungsbürgertum ist tief enttäuscht über die unvollendete Revolution, die zwar einen Personalwechsel an der Spitze bewirkte, aber keine kulturelle Erneuerung hervorgebracht hat. Während sich die lokalen Medien am Donnerstag auf die Straßenkämpfe konzentrierten, blieb eine Meldung fast unbemerkt. Adel Imam (71), der berühmteste Filmschauspieler Ägyptens, wurde zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er in einem Film und einem Theaterstück angeblich den Islam beleidigt hatte.


Gezielte Aktion
Dabei hatte sich der Komödiant darin gar nicht über die Religion an sich lustig gemacht. Vielmehr galt sein Spott den radikalen Islamisten mit den langen Bärten, die Alkohol und Bikinis verbieten wollen. Was Imam damals nicht ahnte, war, dass diese Islamisten eines Tages eine starke Macht im Parlament bilden würden.

Die einzigen Verbündeten, die den jungen Revolutionsaktivisten jetzt noch bleiben, sind eine kleine Gruppe von älteren Linksintellektuellen und der Fanclub von Al-Ahli, der zuletzt bei fast jeder Auseinandersetzung mit der Polizei mit dabei war. Die Theorien, wonach die Gewalt im Stadion von Port Said kein willkürlicher Akt von Hooligans war, sondern eine gezielte Aktion gegen die politisierten Al-Ahli-Fans, sind deshalb nicht von der Hand zu weisen.

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