WIESBADEN, 9. Februar 2012


Als Fischer seine Schuhe nehmen musste

Geschichte Vor 25 Jahren endete das rot-grüne Regierungsexperiment in Hessen


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Vereidigung: Holger Börner (li.), Joschka Fischer BILD: dpa  Bild vergrößern

von Friedemann Kohler

Wiesbaden - Genau 452 Tage hielt das erste rot-grüne Regierungsbündnis in Deutschland. Dann setzte der hessische Ministerpräsident Holger Börner (SPD) seinem Umweltminister Joschka Fischer den Stuhl vor die Tür. Vor 25 Jahren, am 9. Februar 1987, zerbrach die wackelige Koalition in Wiesbaden am Dauerstreit über die Atomfrage.

Der Streit von damals ist entschieden: Der Atomausstieg in Deutschland, erstmals beschlossen von Rot/Grün unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), ist seit der Katastrophe von Fukushima Konsens aller Parteien.

„Inzwischen sind die Hanauer Nuklearbetriebe seit vielen Jahren Geschichte, und mit dem Aus für das Atomkraftwerk Biblis im vergangenen Jahr ist Hessen atomfrei“, sagte der hessische Grünen-Fraktionschef Tarek Al-Wazir zum Jahrestag.

In Hessen hatten sich Sozialdemokraten und Grüne über Jahre an ein Bündnis herangetastet – 1984 duldete die Ökopartei Börner als Regierungschef nur, trat aber nicht ins Kabinett ein. Doch am 12. Dezember 1985 wurde Fischer als erster grüner Umweltminister vereidigt. Er trat an in Sakko, Jeans und Turnschuhen – das Bild machte Geschichte.

Trotz des Unterschieds in Stil und Generation sei die Zusammenarbeit gut gewesen, erinnert sich Tom Koenigs, damals Fischers Büroleiter und heute Bundestagabgeordneter. „Börner war ein konservativer, ein rechter Sozialdemokrat“, sagte Koenigs. Doch Börner und Fischer, beide aus einfachen Verhältnissen, schätzten einander.

In der Atomfrage hatte man sich geeinigt, Genehmigungen für die Nuklearbetriebe Nukem und Alkem hinauszuzögern oder nicht zu erteilen. Die Industrie hielt das für den Einstieg in den Ausstieg. Trotzdem wirkte die gegensätzliche Haltung zur Kernkraft als Spaltpilz in der Koalition. „Die Verschärfung kam durch Tschernobyl“, sagt Koenigs. Im April 1986 explodierte das sowjetische Atomkraftwerk und bestärkte die Grünen in ihrem Widerstand.

Anfang Januar 1987 wurde bekannt, dass Wirtschaftsminister Ulrich Steger (SPD) eine Genehmigung für die Alkem-Brennelementefabrik vorbereitete. Die Grünen protestierten. Es kam zum Bruch.

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Das damalige Ministerbüro erwies sich als Kaderschmiede. Fischer stieg zum Bundesaußenminister auf, Koenigs wurde Frankfurter Kämmerer und dann UN-Repräsentant an vielen Krisenherden. Ex-Pressesprecher Georg Dick ist Botschafter in Venezuela. Grundsatzreferent war damals ein gewisser Winfried Kretschmann – heute in Baden-Württemberg Deutschlands erster grüner Ministerpräsident.






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