23. Februar 2012


„Die Menschen vertrauen ihm“

Bundespräsident Interview mit dem Gauck-Biografen Norbert Robers


Eine Art „politischer Missionar“ sei das künftige Staatsoberhaupt, sagt Journalist Robers. Mit Joachim Gauck könne das Amt wieder an Wert gewinnen.

von Hermann Lamberty

FRAGE: Sie als Gauck-Biograf können uns sicherlich sagen, wie der künftige Bundespräsident so tickt . . ?
ROBERS: Joachim Gauck ist ein Mann, der von Überzeugungen und Werten angetrieben wird. Das hat schon sein Werdegang als Pastor zu DDR-Zeiten gezeigt, als er sich darum bemühte, für sich und andere Menschen Freiräume zu schaffen. Er kämpft für seine Ansichten, er sucht das Gespräch, er ist auch eine Art politischer Missionar. Ich habe ihn aber auch als einen sehr bodenständigen, humorvollen und verlässlichen Menschen kennengelernt.

FRAGE: Müssen wir uns künftig eher auf Predigten als Reden einstellen?
ROBERS: Es wird wahrscheinlich eine Mischung aus beidem sein. Aber das muss ja kein Nachteil sein: Es gibt noch heute Menschen, die sich an seine Predigten mit Glanz in den Augen erinnern. Es wäre doch ein Glücksfall, wenn ihm dies auch als Bundespräsident mit Bezug auf seine Reden gelingen würde. Joachim Gauck war sehr gerne Pastor, er sprach immer davon, dass eine Rückkehr in dieses Amt zwischendurch ein verführerischer Gedanke war.

FRAGE: Er mag es also sehr, so auf der Kanzel zu stehen ?
ROBERS: Wenn er in den Mittelpunkt geschubst oder gedrängt wird, dann ist er sehr wohl in der Lage, sich dort zu behaupten. Weil auch er natürlich um die Wirkung seiner Worte weiß. Ja, er scheut sich nicht davor, im Mittelpunkt zu stehen: Ist das ein Zeichen für Eitelkeit oder ein Zeichen für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen? An der Stelle sind die Grenzen fließend. Gauck, der ein grundehrlicher Mann ist, würde nie behaupten, dass er von Eitelkeit völlig frei ist. Aber wer ist das schon?

FRAGE: Viele haben Christian Wulff, ganz abgesehen von der aktuellen Affäre, eher als Repräsentanten der Mittelmäßigkeit, als Zauderer in Erinnerung. Dürfen wir uns bei Gauck, nun ja, auf so manche Ruckrede freuen?
ROBERS: Gaucks großer Vorteil ist der Vertrauensvorschuss, den er von den Menschen bekommt. Er ist ein politischer Mensch, aber er ist kein Parteipolitiker. Und so hoffen die Menschen, dass er jemand ist, der konkret und in ihrem Sinne nach Lösungen sucht. Ihm wird auch nicht bange sein, wenn er Gegenwind von Rot, Grün oder Schwarz bekommt. Mit ihm könnte das Amt wieder an Wert gewinnen. Die Menschen werden merken, wie wichtig ein Bundespräsident für Deutschland ist.

FRAGE: Viele Menschen vermissen heutzutage Sicherheit in ihrem Leben. Gauck weiß das, aber Freiheit rangiert bei ihm offenbar noch vor der Sicherheit in der Werteskala ?
ROBERS: Eine unfreie Gesellschaft macht krank. Freiheit ist ihm daher äußerst wichtig, dafür hat er in der DDR immer gekämpft. Viele DDR-Bürger haben sogar ihr Leben dafür riskiert. Aber das bedeutet nicht, dass er andere Werte wie etwa Solidarität als unwichtiger einstufen würde.

FRAGE: Aber Gauck versteht Demokratie auch als ständige Anstrengung?
ROBERS: Unbedingt. Viele Deutsche, vor allem im Westen der Republik, erachten die demokratischen Errungenschaften als selbstverständlich. Gauck wird klarmachen, wie wichtig es ist, sich zu engagieren, in den Parteien oder in der Gesellschaft, zur Wahl zu gehen. Er wird betonen, dass es sich lohnt, die Demokratie zu verteidigen.

FRAGE: Es gab mal, als Gauck Chef der Stasi-Unterlagenbehörde war, Vorwürfe, er habe als Pastor mit der Stasi kooperiert. Wie schätzen Sie das ein?
ROBERS: Ich habe 1998 Gaucks komplette Stasi-Opferakte gelesen. Die Stasi hat es wohl immer wieder versucht, ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen, ist aber immer wieder daran gescheitert. Gauck war aus Stasi-Sicht ein hoffnungsloser, systemkritischer Fall. Er hat sich der Stasi gegenüber taktisch verhalten. Wenn er einen Kirchentag organisieren musste, dann wusste er: Ich brauche Züge, ich brauche Hallen. Nur so konnte der Kirchentag stattfinden, und er konnte vor 40 000 Menschen laut sagen: Wir wollen keine Atomraketen in unseren Wäldern. Er ist also einen Schritt auf die Stasi zugegangen, hat sich mit ihnen unter Zeugen unterhalten, um sich auf diese Weise staatliche Zugeständnisse zu sichern. Dieses „Spiel“ hat die Stasi erst am Schluss durchschaut.

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FRAGE: Was mag Gauck? Was kann er nicht ausstehen?
ROBERS: Er schätzt ehrliche und aufrechte Menschen, er ist gern bei seiner Familie. Für allzu viel Glamour ist er dagegen nicht zu begeistern. Im Urlaub sitzt er am liebsten in einer kleinen Jolle auf der Ostsee. Ruhe haben, das Meer riechen: Das gefällt ihm.

FRAGE: Kann Gauck als Bundespräsident dafür sorgen, dass Politik und Bürger wieder zueinander finden?
ROBERS: Dieses Ziel haben sich schon viele Spitzenpolitiker gesetzt – mit mäßigem Erfolg. Ich bin überzeugt, dass Joachim Gauck ein Stück dieser wachsenden Kluft wieder schließen kann. Die Menschen mögen und respektieren ihn, sie vertrauen ihm und hören ihm zu. Er hat ideale Voraussetzungen, um die Bürger und Politiker wieder einander näher zu bringen. Aber fordern wir nicht schon vor der Amtseinführung zu viel von ihm. Er hat selber gesagt: Ich bin kein Heiliger.






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