ERFURT, 19. März 2010


Anfang vom Ende der Eiszeit

GESCHICHTE DDR-Bürger feiern am 19. März 1970 Kanzler Willy Brandt in Erfurt


DER TAG WAR FÜR DEN KANZLER SEHR EMOTIONSGELADEN. DIE SZENE, WIE ER AM FENSTER STAND, GING UM DIE WELT.

VON ALFONS PIEPER

Erfurt - „Willy, Willy“, rief die mehrtausendköpfige Menge, die auf dem Bahnhofsplatz von Erfurt die Ankunft des deutschen Bundeskanzlers erwartet hatte. Und Minuten später, kaum war Brandt (SPD) in seinem Zimmer im Hotel Erfurter Hof angekommen, skandierten sie: „Willy Brandt ans Fenster“. Eine Szene, die um die Welt ging. Heute vor 40 Jahren.

Es war ein historischer Tag, jener 19. März 1970, als sich Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willy Stoph zum ersten deutsch-deutschen Gipfel-Gespräch trafen. Es war das erste Treffen eines Bonner Regierungschefs mit einem DDR-Ministerpräsidenten. Brandt meinte später, die Gespräche seien unergiebig gewesen, aber sicher war Erfurt auch der Beginn der langen Kette von Verhandlungen, um mit der DDR ins Gespräch zu kommen und Erleichterungen für die Menschen in beiden Teilen Deutschlands herauszuholen. Ostberlin hatte auf die diplomatische Anerkennung als eigener Staat gehofft. Was Brandt einfach ignorierte. Auch forderten sie Reparationszahlungen in Höhe von 100 Milliarden DM wegen des von Bonn gegen Ostberlin angeblich geführten Wirtschaftskriegs. Was Brandt mit der Bemerkung konterte: „Man kann die Folgen des Gesellschaftssystems, das Sie eingeführt haben, nicht auch noch von uns bezahlen lassen“.

Schon Tage vorher begannen die DDR-Sicherheitsbehörden mit Maßnahmen, um Störungen und Provokationen zu verhindern. Rund 4000 Polizisten sollten den gesamten Besuchsbereich absichern. 343 Mitarbeiter vom Ministerium für Staatssicherheit waren im Einsatz. Mit einer leeren Straßenbahn wollten sie die drängenden Menschenmassen in der Bahnhofstraße vom Bahnhofsvorplatz zurückhalten. Vergeblich. Da der Druck der Menschen zunahm, musste die Straßenbahn zurückgesetzt werden. Erste Absperrungen brachen, DDR-Bürger stürmten einen Teil des Bahnhofsvorplatzes, um Willy Brandt zu sehen.

Später wurden linientreue SED-Genossen auf den Vorplatz gebracht, um Willy Stoph hochleben zu lassen und die Parole zu skandieren: „Forderung an Willy Brandt, die DDR wird anerkannt.“ Peinlich die Szenerie, schlecht gespieltes Theater vor den Augen der Weltpresse. Immerhin waren aus Bonn 350 deutsche und ausländische Journalisten angereist, denen das Schauspiel und die Angst der DDR-Behörden nicht entging.

Die DDR überbot sich in ihrer Gastgeber-Rolle. Das Hotel war fein herausgeputzt und die Gastgeber arrangierten ihren Gästen aus Bonn, wie es ein Beobachte damals beschrieb, eine Symphonie in Rot: rote hochflauschige Auslegware auf Bahnsteig und Bahnhofstreppen, rote Fahnen auf dem Vorplatz, rote Rosen in den Delegationszimmern und rote Frotteemäntel in den Gästebädern. Und als Brandt später die KZ-Gedenkstätte Buchenwald in der Nähe von Weimar besuchte, empfingen sie ihn mit DDR-Fahnen, den Hymnen von Deutschland West und Deutschland Ost und einem Ehrenspalier.

Es war ein aufwühlender Tag für Willy Brandt, über den er später in seinen Erinnerungen schrieb: „Gab es einen in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre?“ Die „New York Times“ bewertete die Willy-Willy-Rufe tausender DDR-Bürger, die alle Absperrungen durchbrochen hatten, schon damals ahnungsvoll als „Aufschrei aus dem Innersten, der sich an die Deutschen in allen Teilen des Landes richtete und zu besagen schien: Wir sind ein Volk.“

Erfurt markiert den Anfang vom Ende der deutsch-deutschen Eiszeit. Es war ein Markstein auf dem Weg zur Einheit. An das Treffen erinnert das 2009 eingeweihte Denkmal des Berliner Künstlers David Mannstein in Form einer weithin sichtbaren Leuchtschrift auf dem Dach des sanierten Erfurter Hofs. Und ein lebensgroßes Foto im Fenster des Hotels lässt den einstigen Kanzler noch heute aus dem Erfurter Hof blicken – wie einst am 19. März 1970.

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