Diskussion ignoriert Ängste der Menschen
von Dirk Baas
FRAGE: Sie werfen der Politik vor, mit ihrem Plan, die Entscheidungslösung in der Organspende einzuführen, würden keine Probleme gelöst. Warum?
BRYSCH: Es gibt 4000 Hirntote jedes Jahr. Trotz Meldepflicht werden nur rund 1900 Fälle angegeben. In 1300 Fällen kommt es tatsächlich zur Transplantation. Bekannt ist auch, dass dann bei über 90 Prozent der Explantierten allein die Zustimmung der Angehörigen den Ausschlag gegeben hat. Das zeigt, dass die Zahl der Ausweisträger keinen Einfluss auf die Zahl der tatsächlichen Organspender hat.
FRAGE: Sie werfen Kliniken, Transplantationszentren und der Deutschen Stiftung Organtransplantation „Organisationsversagen“ vor. Wo liegen Versäumnisse vor?
BRYSCH: Einige Kliniken beteiligen sich nicht an dem Verfahren. Dafür gibt es materielle Gründe: Eine Transplantation macht Arbeit, sie stört den Ablauf und wird zu schlecht honoriert. Für viele Mediziner gibt es bei der Feststellung des Hirntodes auch ethische Fragen, die nicht ausreichend geklärt sind: Ist das wirklich ein toter Mensch? Andere wollen Rücksicht auf die Angehörigen nehmen und scheuen sich deshalb, diese anzusprechen. Ein weiterer Aspekt ist die Unsicherheit über die Verteilung der Organe. Daher bedarf es einer umfassenden Aufklärung innerhalb eines transparenten und staatlich kontrollierten Transplantationssystems. Und es muss offen über die Hirntod-Kriterien diskutiert werden.
FRAGE: Warum haben die bisherigen Anläufe zu mehr Aufklärung und Transparenz nicht gefruchtet?
BRYSCH: In Deutschland wird mit den Argumenten „Leben schenken“ und „Mitleid“ geworben – Appelle ans Herz. Aber bei der Organspende geht es um den Verstand. Durch Geldspenden fühlen sich die Menschen erleichtert. Sie spenden für Kinder, für Arme, für Kranke. Aber vor der Organspende haben die Menschen Angst. Denn es geht darum, sich selbst zu spenden, und auch um den eigenen Tod.
FRAGE: Was raten Sie?
BRYSCH: Es reicht nicht, an das Herz zu appellieren. Die Menschen müssen verstehen, was mit ihnen passiert. Sich mit Organspende auseinanderzusetzen bedeutet, den eigenen Tod zu thematisieren: Was heißt es, hirntot zu sein? Wie stirbt ein Organspender? Die öffentliche Diskussion nimmt diese Fragen und Ängste der Menschen bisher nicht auf. Diese Verunsicherung muss durch Aufklärung beseitigt werden.
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