KöLN, 19. Oktober 2011


Büchsenwurf macht Geschichte

Fußball 1971 wurde Roberto Boninsegna in Gladbach von Cola-Dose getroffen


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Während Roberto Boninsegna (auf großem Bild verdeckt am Boden sowie kleines Bild) behandelt wird, versucht Gladbachs Günter Netzer (Mitte hinten) für Ruhe zu sorgen. BILDer: Archiv  Bild vergrößern

Gladbach besiegte Inter Mailand damals 7:1. Später wurde das Spiel annulliert. Die Dose steht jetzt in Arnheim.

von Christoph Leuchtenberg

Köln - Die meistberüchtigten 40 Gramm Weißblech der Fußball-Geschichte feiern ihren runden Geburtstag im niederländischen Exil. Jene Getränkedose, die vor 40 Jahren, am 20. Oktober 1971, am Schädel von Roberto Boninsegna landete und damit eines der größten Europacup-Spiele einer deutschen Elf zum Treppenwitz der Sportgeschichte machte, steht im Museum von Vitesse Arnheim. Blitzeblank poliert wirkt sie fast neu. So als sei es gestern gewesen, als Borussia Mönchengladbach Italiens Starclub Inter Mailand demütigte – und letztlich verlor.

Die Geschehnisse an jenem Mittwochabend auf dem Bökelberg gehören zum kulturellen Erbe des deutschen Fußballs. Europapokal der Landesmeister, Achtelfinal-Hinspiel: Die Fohlen mit Günter Netzer, Berti Vogts und Jupp Heynckes auf dem Höhepunkt ihres Schaffens gegen Inters Starensemble um Sandro Mazzola.

Jupp Heynckes traf früh zum 1:0, Boninsegna glich noch einmal aus, danach spielte sich Gladbach in einen Rausch: 5:1 zur Halbzeit, 7:1 nach 90 Minuten. Die Torschützen: zweimal Günter Netzer, zweimal Heynckes, zweimal Ulrik Le Fevre, einmal Klaus-Dieter Sieloff.

Es wäre die perfekte Demütigung gewesen. Wäre, wohlgemerkt, denn schließlich gab es da jene 28. Spielminute, die Fußballgeschichte schreiben sollte. Aus dem Gladbacher Fan-Block segelte eine leere rote Getränkedose in Richtung Feld und landete am Kopfs Boninsegnas.

Der Inter-Stürmer nutze die Gunst der Stunde, um geistesgegenwärtig noch an Ort und Stelle mit unfassbarer Schauspielkunst zu Boden zu sinken. Er wurde vom Feld getragen, verfiel angeblich in eine 15-minütige Ohnmacht. Später schlossen sich die Inter-Betreuer mit dem Opfer in der Kabine ein.

Da half auch nicht, dass selbst der niederländische Schiedsrichter Jef Dorpmans den Spieler Boninsegna für einen Simulanten hielt: „Ich bin zwar nicht selbst zu ihm gegangen, er stellte sich ja tot, aber ich weiß genau, er hatte nichts“, sagt der 86-Jährige. Boninsegna (67) streitet jeden Anflug von Simulation weiter ab. Beim 0:0 im Wiederholungsspiel in Berlin am 1. Dezember, das Inter wegen des 4:2-Sieges im Rückspiel (3. November) ins Viertelfinale brachte, wurde Boninsegna endgültig zum Feindbild: Er trat Luggi Müller Schien- und Wadenbein durch.

Der Werfer wurde bislang nicht gefasst. Das Corpus Delicti schnappte sich Schiedsrichter Dorpmans. Die Dose landete für 27 Jahre in einem Koffer in Dorpmans Arnheimer Wohnung. Schließlich erhielt das Vitesse-Museum das legendenumwobene Stück als Schenkung. Trotz aller Bemühungen ist sie noch nicht wieder zurück in Mönchengladbach.

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