Lange verletzter Boenisch will zur EM
Interview 25-Jähriger von Werder Bremen drängt in polnischen Kader – Kniebeschwerden überstanden
Wieder ganz dicht dran: Sebastian Boenisch (links, hier in einem Testspiel im Januar gegen den Gladbacher Marco Reus) steht vor einem Comeback in der Bundesliga. BILD: dpa 
von Hauke Richters
FRAGE: Sie haben wegen einer langwierigen Knieverletzung seit August 2010 kein Erstligaspiel mehr bestritten. Wann sehen die Fans Sie wieder in der Bundesliga?
SEBASTIAN BOENISCH: Ich hoffe schon bald. Inzwischen trainiere ich wieder voll mit und stand beim Spiel in Freiburg auch im Kader. Ich versuche, mich Trainer Thomas Schaaf im täglichen Training anzubieten. Wann er mich wieder spielen lässt, entscheidet natürlich er.
FRAGE: Wie realistisch ist es nach seiner solch langen Pause, noch den Sprung in den polnischen Kader für die Fußball-EM zu schaffen?
BOENISCH: Ich gehe davon aus, dass das klappt. Der polnische Nationaltrainer Frantisek Smuda hat mir bereits gesagt, dass er mich für das Testspiel gegen Portugal am 29. Februar nominieren will. Er hat mir ohnehin während meiner langen Verletzungspause viel Mut zugesprochen und mir das Gefühl gegeben, dass er weiterhin auf mich setzt. Das und auch die Unterstützung von Werder haben mir über die langen Monate in der Reha geholfen.
FRAGE: Sie haben die deutsche und die polnische Staatsbürgerschaft und sich 2010 entschieden, für Polen zu spielen. War das bei einem solch großen Vertrauen des Nationaltrainers die richtige Entscheidung?
BOENISCH: Absolut, ja. Smuda hat mir damals schon gezeigt, dass er mich unbedingt haben möchte. Er hat mir vermittelt, dass ich ein ganz wichtiger Teil der polnischen Mannschaft sein werde. Dieses energische Werben war – natürlich neben der Verbundenheit zu meinem Geburtsland Polen – der Grund, dass ich mich so entschieden habe. Vom DFB hat sich, ehrlich gesagt, niemand annähernd so um mich bemüht.
FRAGE: Kurz vor Ihrer Verletzung haben Sie bereits zwei Länderspiele für Polen bestritten. Haben Sie damals zu spüren bekommen, dass Sie kein Einheimischer im strengen Sinne sind?
BOENISCH: Ja, das war natürlich ein Thema. Ich habe mitbekommen, dass in Polen viel über mich und meine Nominierung diskutiert wurde. Einige Leute haben mir nachgesagt, ich hätte mich so entschieden, weil ich mich in der deutschen Nationalmannschaft nicht durchsetzen würde. Aber dieses Gerede interessiert mich nicht. Ich will für Polen spielen und alles geben. Und ich glaube, dass die Fans das dann auch anerkennen.
FRAGE: Was ist bei der EM vom Co-Gastgeber Polen zu erwarten?
BOENISCH: Mit etwas Glück können wir unsere schwere Vorrundengruppe überstehen. Dass danach alles möglich ist, haben schon die Außenseiter-Erfolge von Dänemark und Griechenland bei Europameisterschaften gezeigt. Aber Favoriten sind natürlich andere, darunter Deutschland und Spanien.
FRAGE: Polen richtet erstmals eine Sportveranstaltung dieser Größe aus. Was werden die EM-Touristen erleben?
BOENISCH: Polen ist für die meisten Europäer kein klassisches Urlaubsziel und ja nicht gerade für Sommer, Sonne, Strand bekannt. Aber es gibt wunderschöne Städte mit großem kulturellen Angebot wie beispielsweise Danzig und Krakau. Und um die Stimmung mache ich mir gar keine Sorgen, im Sommer werden alle verrückt nach Fußball sein.
FRAGE: Für Werder wird dann die Saison beendet sein. Auf welchem Platz?
BOENISCH: Die Qualifikation für die Europa League ist auf jeden Fall möglich. Die wäre für den Verein auch wichtig, um Leistungsträger halten zu können.
FRAGE: Auch Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Wohin geht die Reise?
BOENISCH: Es ist noch viel zu früh, um darüber zu sprechen. Ich möchte nun erst einmal bei Werder gute Leistungen zeigen.
@ http://www.NWZonline.de/werder Sebastian Boenisch wurde 1987 im polnischen Gleiwitz geboren und kam als kleines Kind mit seinen Eltern nach Deutschland. 2006 gab er im Trikot von Schalke 04 sein Bundesliga-Debüt, ehe er 2007 zu Werder Bremen wechselte. 2009 wurde Boenisch mit der deutschen U-21-Nationalmannschaft Europameister. Ein Jahr später entschied er sich, künftig für die polnische Nationalmannschaft zu spielen. In dieser debütierte er am 4. September 2010 gegen die Ukraine und spielte auch wenige Tage später gegen Australien. Kurz nach diesen Partien begann die lange Verletzungspause des Linksverteidigers wegen eines Knorpelschadens im Knie. Ende Januar bestritt Boenisch in Werders Drittliga-Team das erste Pflichtspiel seit September 2010.
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