HALL, 14. Januar 2012


Vom Azubi zum Instituts-Vorstand

Karriere Jutta Günther an Spitze des Wirtschaftsforschungsinstituts IWH in Halle – Start in Oldenburg


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Beeindruckende Entwicklung: Jutta Günther BILD: : IWH  Bild vergrößern

Die 44-Jährige leitet als erste Frau eine der großen Denkfabriken. Allerdings gibt es die Position nur übergangsweise.

von Rüdiger Zu Klampen

Hall - Die Pressemitteilung aus Halle kurz vor Weihnachten – Überschrift: „Interimsvorstand offiziell im Amt“ – war eher unscheinbar. Aber sie enthielt eine bemerkenswerte Personalie. Erstmals nämlich war eine Frau an die Spitze des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH/Halle) berufen worden. Zugleich war dies das erste Mal überhaupt, dass eines der sechs großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute eine weibliche Führung bekam: Dr. Jutta Günther (44), die am IWH die Abteilung Strukturökonomik leitet, wurde (als Doppelspitze mit Prof. Oliver Holtemöller) zum Interims-Vorstand ernannt.

Damit redet im Club der deutschen Wirtschafts-Denkfabriken nun eine Forscherin mit, die auch eine Vergangenheit im Nordwesten hat: Günther hatte einst ihre akademische Karriere in Oldenburg begonnen. Sie studierte hier ab 1994 Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.

„An diese Zeit denke ich gern zurück“, sagt die 44 Jährige. Sie verweist auf die gute Lebensqualität, die moderne Hochschule – und wichtige inhaltliche Impulse. Einst war sie „bildungshungrig“ nach Oldenburg gekommen.

Denn Jutta Günther steht für eine der bemerkenswertesten Spitzenforscher-Karrieren überhaupt – mit fester Verankerung in der Basis. Sie hat sich hochgearbeitet und – -gebildet. Ihre Karriere begann mit Berufsausbildungen. Und dann wollte sie mehr.

Jutta Günther wuchs in Hückeswagen in der nordrhein-westfälischen Provinz auf. Sie machte nach der Mittleren Reife ab 1984 zunächst eine kaufmännische, dann eine pharmazeutisch-technische Ausbildung – und wagte anschließend den weiten Schritt „aus der Kleinstadt in die Großstadt“ Berlin, wie sie selbst sagt. In der Hauptstadt hatte sie sich auf ein Inserat hin an der Freien Universität für eine Stelle als Technische Assistentin beworben. Damit kam die junge Frau erstmals mit der verlockenden Welt von Hochschule und Forschung in Berührung. Dies ließ sie nicht mehr los. Hinzu kam schon 1992, noch als Technische Assistentin, die Mitarbeit in einem ersten entwicklungspolitischen Projekt, in Kolumbien: Es ging um die Herstellung von Medizin per Handarbeit in abgelegenen Regionen. Und dadurch stieß sie auch auf das Thema Entwicklungspolitik.

„Die geradezu logische Schlussfolgerung war“, sagt Jutta Günther heute, „dass ich mich nun besonders für entwicklungsökonomische Fragestellungen interessierte“.

Jetzt war für die ehrgeizige junge Frau endgültig klar: Sie wollte studieren. Günther schlug den „zweiten Bildungsweg“ ein, holte die Hochschulzulassung nach – und so kam sie nach Oldenburg. Hier wurde die „Z-Prüfung“ (1994) geboten. „Niedersachsen hatte damit wirklich sehr attraktive Bedingungen“, lobt die Forscherin noch heute die Möglichkeit, die Hochschulzugangsprüfung nach einem Jahr nachweislicher Vorbereitung an Uni und Volkshochschule abzulegen.

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„Optimistisch wie immer“ habe sie sich dann für einen Studienplatz in Oldenburg beworben – und ihn bekommen. „Ich war begeistert, hatte richtig Lust“, erinnert sie sich. Sie sog die Inhalte von Vorlesungen und Seminaren geradezu auf. Dann zog es die Studentin nach den ersten Semestern (1995) nach Osnabrück weiter (wo sie auch promovierte), wegen des ausgeprägteren Schwerpunktes Wirtschaft in den Sozialwissenschaften.

Großes Thema damals, in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung: „Transformationsökonomik“ – Fragestellungen etwa rund um den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft. Das Interesse daran blieb bei Jutta Günther bis heute. Es ist ein Arbeitsschwerpunkt auch in ihrer Abteilung „Strukturökonomik“ am IWH in Halle, zu dem sie nach Studienaufenthalten in den USA und Russland 2002 stieß.

Jetzt ist die 44-Jährige besonders gefragt. Sie leitet ihre Abteilung (16 Mitarbeiter), ist aber eben auch mit den übergeordneten Aufgaben an der Institutsspitze betraut – und sie freut sich. Die Berufung als Interimsvorstand – da habe sie „nicht gezögert“.

Diese Aufgabe sei eine „Herausforderung“. Aber sie könne eben auch ein Stück weit dazu beitragen, das Institut weiterzuentwickeln und es mit klaren Schwerpunkten in der Forschungslandschaft zu etablieren. Im Mittelpunkt, ganz klar: Entwicklungsthemen Ostdeutschlands, Osteuropas, Innovationen und Bevölkerungsentwicklung. Der Job an der Spitze ist allerdings nur auf Zeit angelegt – bis ein neuer Präsident gefunden ist, als Nachfolger von Prof. Ulrich Blum, der 2011 ausgeschieden war.

Dr. Jutta Günther aber hat schon „Freude“ an einem solchen Spitzenjob entwickelt. Nebenbei läuft in Jena ihre Habilitation. Und sie findet: Die Bestellung einer Frau als Leiterin eines großen Wirtschaftsforschungsinstituts – das wirke nun „hoffentlich ansteckend“






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