MAINZ, 24. April 2010


Brücken-Schatten fällt auf Mosel-Wein

Genuss 1700 Meter langer Bau soll Tal überspannen – Qualitätseinbußen in Spitzenlagen befürchtet


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Beeindruckend: Die Computergrafik der Stadt Trier zeigt, wie der Hochmoselübergang aussehen soll.                 BILD: dpa  Bild vergrößern

Auf jeden Fall verändert sich das Landschaftsbild. Seit 2000 Jahren wird dort Wein angebaut.

von Rüdiger zu Klampenund unseren Agenturen

Mainz - Im idyllischen Weinanbaugebiet an der Mosel herrscht helle Aufregung: Eine gigantische FernstraßenBrücke soll schon bald das Flusstal, Heimat bester Riesling-Weine wie Ürziger Würzgarten, überspannen. Erste Fundamente werden bereits gegossen. Doch der Protest wird nicht leiser. Eher schwillt er noch mehr an.

Winzer und Wein-Genießer schlagen Alarm: Der von ihnen als brutal empfundene Brückenschlag durch die 2000 Jahre alte Kulturlandschaft bei Ürzig, zwischen Bernkastel und Traben-Trabach, könnte zu Image-Schäden und möglicherweise Qualitätseinbußen nahe der Brücke führen. Der britische Weinautor Hugh Johnson spricht von einem „Verbrechen an einer einmaligen Kultur- und Weinlandschaft“. Mit anderen Weinliebhabern hat er eine internationale Bürgerinitiative ins Leben gerufen: „International Riesling Rescue“.

Der Streit schlägt international immer höhere Wellen. Nachdem nun schon Zeitungen in den USA kritisch darüber berichtet hatten, verteidigte der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) das Vorhaben als ein „Straßenbauprojekt von europäischer Bedeutung“. Kurz zuvor hatten Gegner des Hochmoselübergangs mit einer Weinprobe in Berlin protestiert – unter ihnen Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne), Fraktionschefin Renate Künast sowie Weinkritiker.

Längst jedoch haben die Bauarbeiten für die 160 Meter hohe und 1,7 Kilometer lange Brücke zwischen Ürzig und Rachtig an der Mittelmosel begonnen. Längst ist auch der Rechtsweg bis zum Bundesverwaltungsgericht ausgeschöpft.

Dennoch rief nun die Bürgerinitiative gegen den Hochmoselübergang zur Unterzeichnung einer Bundestagspetition auf. Auch die rheinland-pfälzischen Grünen forderten die SPD-Landesregierung erneut auf, bei einem der größten nationalen Brückenprojekte wegen der Gefahr für Landschaft und Wasserhaushalt, Weinbau und Tourismus die Notbremse zu ziehen.

Nach der Argumentation des Mainzer Wirtschaftsministeriums werden mit dem Ausbau der vierspurigen „B50 neu“ Belgien und die Niederlande besser mit dem Rhein-Main-Gebiet und Südwestdeutschland verbunden. Die verbesserte Erreichbarkeit von Eifel, Hunsrück, Moselregion und Flughafen Hahn werde Arbeitsplätze schaffen und sichern. Mit der Führung des Fernverkehrs über das Flusstal wird laut Mitteilung die Mosel selbst von Lärm und Abgasen entlastet. Mehr als 65 Gutachten seien erstellt und die Verträglichkeit mit dem Naturschutzrecht sei richterlich bestätigt worden.

Das Wirtschaftsministerium, das auch als Deutschlands einziges Weinbauministerium firmiert, hält es für unbegründet, angesichts des mehr als 240 Kilometer langen Weinanbaugebiets wegen eines örtlich begrenzten Projekts gleich pauschal von einer „Zerstörung der Moselregion“ zu sprechen. Gerade diese Kritik könne zu einem Imageschaden führen, meint man gar: „Diejenigen, die vorgeben, den Weinbau an der Mosel retten zu wollen, erweisen dem Moselweinbau vielmehr einen Bärendienst.“

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Dazu meinte der wohl berühmteste Weinkritiker Stuart Pigott spöttisch: „Politiker verstehen nichts von Wein.“ Auch er engagiert sich für die Initiative „Riesling Rescue“.

Fachleute sehen durchaus konkreten Schaden heraufziehen: Im Weinglas könnten die Auswirkungen des Produktes „als Sturm ankommen“, heißt es im Fachmagazin „Der Feinschmecker“, das 3000 Protestunterschriften im Internet gesammelt hat. Sensible Naturprodukte wie die Spitzenweine von der Mosel, in denen sich das einzigartige Terroir spiegele, könnten auf die Veränderungen reagieren. Es gehe „um alle äußeren Einflüsse, die den Wein und dessen Qualität beeinflussen, sprich: Winde, Sonne/Schatten, Boden, und dort vor allem der Wasserhaushalt“, erläuterte „Feinschmecker“-Ressortleiterin Gabriele Heins gegenüber dieser Zeitung.

Doch bereits seit Frühjahr 2009 wird gebaut. Es geht um zwanzig Minuten Zeitersparnis im Fernverkehr.




 



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