Nach Atomdesaster Ökostrom gefragt
Energie Lichtblick schließt dreimal so viele Verträge ab – Auch EWE Naturwatt spürt steigende Nachfrage
Berlin - Nach der Atomkatastrophe in Japan und neuen Zweifeln an der Sicherheit der Kernenergie reißen sich die Verbraucher um Ökostrom aus alternativen Energiequellen. Die auf solche Tarife spezialisierten Anbieter, aber auch klassische Energieversorger stellen einen drastischen Anstieg der Kundenzahlen fest. Das ergab eine Umfrage. Unklar bleibt, ob auch die Preise für Ökostrom in nächster Zeit anziehen werden.
„Im aktuellen Umfeld sind die Nachfragen deutlich gestiegen“, erklärte Deutschlands größter Energiekonzern Eon, der auch Atomkraftwerke betreibt, in München. Der Anteil der Kunden mit Ökostrom-Tarifen liege aber erst im einstelligen Prozentbereich. Auch für die kommenden Monate sei mit hohem Interesse zu rechnen.
„Wir spüren das Interesse der Kunden an unseren Ökostromprodukten“, sagte auch ein Sprecher der Oldenburger EWE auf Anfrage. „Neben einem allgemein steigenden Bewusstsein für Energiethemen führen dabei aktuell sicherlich auch die katastrophalen Ereignisse in Japan dazu, dass Verbraucher Umweltaspekte stärker berücksichtigen.“ Die EWE-Ökostrom-Tochter Naturwatt beliefere aktuell rund 30 000 Kunden. Seit Mitte 2010 sei die Zahl der Naturwatt-Kunden um knapp 25 Prozent gestiegen.
Beim nach eigenen Angaben größten deutschen Ökostromanbieter, dem unabhängigen Hamburger Unternehmen Lichtblick, wurden in den vergangenen beiden Wochen rund 800 Neuverträge täglich abgeschlossen, etwa dreimal so viele wie vor den Ereignissen in Japan. Lichtblick hat bereits mehr als eine halbe Million Kunden.
„Das Restrisiko hat plötzlich leider eine ganz konkrete Bedeutung bekommen – das wird nicht so leicht aus dem Bewusstsein verschwinden“, sagt Lichtblick-Sprecher Ralph Kampwirth. Japan habe „das Fass zum Überlaufen“ gebracht, heißt es bei Naturstrom in Düsseldorf. Ein weiterer reiner Ökostrom-Anbieter, die Genossenschaft Greenpeace Energy, berichtet von einer Verachtfachung der Kundenzahl seit Beginn der Nuklear-Katastrophe.
Bei den konventionellen Energieversorgern fällt das Interesse der Kunden gemischt aus. Anders als Eon sieht die deutsche Nummer zwei RWE bei seinen Haushaltskunden keinen „signifikanten Anstieg“ der Nachfrage nach Ökostrom. Bisher liegt der Anteil des entsprechenden Tarifs auch erst im Promillebereich – nur 1300 von insgesamt 3,5 Millionen Kunden haben ihn gebucht.
Einen längerfristigen Anstieg der Nachfrage beobachtet das Verbraucherportal toptarif.de: 2008 entschieden sich nur 10 Prozent der Verbraucher, die über das Portal ihren Stromanbieter wechselten, für Ökostrom – 2009 waren es 20 Prozent, 2010 dann gut 30 Prozent, und seit Fukushima 65 Prozent, so eine Sprecherin.
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