Waisenstift Varel: Gequälte Kinder reisen in ihre Vergangenheit
WAISENSTIFT VAREL Ehemalige treffen sich im April – „Es darf bei Gewalt keine Tabus geben“
Mädchen in den 50er Jahren des vorigen Jahrhundertes vor dem Eingangstor des Vareler Waisenstifts. BILD: ARCHIV UDO KLÜN 
VAREL - Wir sehen junge Mädchen in Kittelkleidern. Sie blicken skeptisch in Kamera. Es ist in einem Frühjahr in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Kinder stehen vor dem historischen Portal des Waisenstifts in Varel. Hinter dieser alten Tür litten jahrzehntelang Mädchen und Jungen unter Misshandlung und Gewalt. Ihre Seelen und Körper wurden missbraucht.
Ihr Leiden war ein Tabu. Über das, was hier geschah, durfte nicht gesprochen werden. 1965 endlich griffen mutige Staatsanwälte ein. Sie schlossen das Heim, die Gewalttäter, die sich Erzieher nannten, wurden entlassen. Und für die Kinder des Vareler Waisenstifts konnte eine neue Zeit beginnen. „Nur so lange etwas zum Tabu erklärt wird, kann ein System von Missbrauch und Gewalt funktionieren“, erklärt Ulrich Feldmeyer (59), der heute das Waisenstift in Varel leitet. Heute ist das Haus eines, in dem verletzte Seelen geheilt werden sollen. Nicht ist mehr so, wie es vor 40, vor 50 oder vor 60 Jahren war. „Das waren schlimme Zeiten“, sagt er.
Nach der aufwühlenden Berichterstattung der NWZ im Oktober und November 2009 haben sich bei Ulrich Feldmeyer, der das Heilpädagogische Kinderheim in Varel heute leitet, dutzende Frauen und Männer gemeldet. Frauen und Männer, die heute 65 Jahre alt und älter sind. Frauen und Männer, die nie darüber gesprochen haben, was sie in Varel erlebt haben. Frauen und Männer, die jetzt darüber sprechen.
Im April wird es ein Treffen der Opfer von damals geben. Die Vareler Einrichtung und die NWZ haben vor vier Monaten dazu aufgerufen. „Ich hatte sogar einen Anruf aus England. Eine Frau hat sich gemeldet, die während des 2. Weltkrieges hier im Waisenstift war. Sie erfuhr von einer Freundin, dass die NWZ berichtet hat und hat dann alles im Internet gelesen.“
Auch diese Frau will nach Varel kommen, wenn sich dort die Ehemaligen treffen. „Die Frau spart jetzt Geld, damit sie sich die Reise leisten kann. Sie will sich mit dieser Vergangenheit versöhnen. Sie sagte, sie wolle ihren Frieden finden, bevor sie stürbe“, erzählt Ulrich Feldmeyer.
Feldmeyer hatte erst vor wenigen Wochen Besuch von einem Mann, der als Kind im Vareler Waisenstift war. „Der war mit seiner ganzen Familie hier und der sagte anschließend, dass es ihm erheblich besser gehen würde. Er hatte jahrzehntelang über die Erlebnisse hier mit seiner Familie nicht gesprochen. Jetzt ist er viel ruhiger.“
Vieles sei in Gang gesetzt worden. „Es ist ungemein wichtig, dass man sich der Vergangenheit stellt. Es darf keine Tabus geben.“
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