CLOPPENBURG, 19. März 2010


Niedersachsen: Gewalt in jedem 10. Pflegefall

FAMILIE  Häusliche Betreuung stößt schnell an Grenzen – Tagung der Caritas


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Nicht alle Pflegebedürftigen erfahren – wie hier – Liebe und Zuwendung. In jedem 10. Fall bleibt bei der häuslichen Betreuung Gewalt nicht aus, sagt die Caritas. ARCHIVBILD: DPA Bild vergrößern

DER KATHOLISCHE SOZIALVERBAND REGISTRIERT EINE NEUE ENTWICKLUNG. ER FORDERT MEHR UNTERSTÜTZUNG FÜR BETROFFENE.

VON MARC KUHLMANN

Cloppenburg - „Gerade habe ich meiner Mutter mit der Bürste auf den Kopf geschlagen. Sie wollte sich mal wieder nicht kämmen lassen. Ich kann sie doch so nicht gehen lassen“, klagt eine völlig verzweifelte Tochter, die zu Hause ihre Mutter pflegt. Beispiele wie dieses zeigen, dass Pflege eine Plattform für Familiendramen ist. Zugleich ist aber Gewalt in der häuslichen Pflege weiterhin ein heikles Thema, auf das die Öffentlichkeit mit großer Entrüstung reagiert.

Heute werden allein in Niedersachsen 120 000 Menschen zu Hause gepflegt. Jeder Zehnte ist laut Statistik von Gewalt betroffen. Täter sollten aber nicht verurteilt, sondern unterstützt werden, hieß es beim 23. Tag der Altenpflege, zu dem sich am Donnerstag mehr als 500 Fachleute und Angehörige von zu Pflegenden aus dem Oldenburger Land und Nordrhein-Westfalen in Cloppenburg trafen.

Gewalt in der Pflege sei oftmals ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder Überforderung. „Gerade Angehörige pflegen ihre Eltern oder Großeltern anfangs unwahrscheinlich liebevoll und engagiert, stoßen dann aber schon recht bald an ihre Grenzen“, erläutert Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Leiterin der Berliner Beratungsstelle „Pflege in Not“. Betroffene seien zumeist einfach nur hoffnungslos überfordert und wüssten meist überhaupt nicht, was mit dieser Aufgabe auf sie zukomme, erklärte Tammen-Parr.

Körperliche Gewalt spielt in der Altenpflege aber weiterhin nur eine untergeordnete Rolle. Experten registrieren aber eine steigende Zahl von psychischer Gewalt, die von Vernachlässigung bis hin zu Ignoranz reichen kann. Allerdings seien die Aggressionen keine Einbahnstraße. „Auch die Senioren können Öl ins Feuer gießen“, sagt Tammen-Parr. Und Prof. Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch, Chefarzt der Gerontopsychiatrischen Klinik Bonn, fügt hinzu: „Wir verzeichnen neuerdings auch eine steigende Zahl von Verletzungen bei unseren Pflegemitarbeitern.“

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