VAREL, 1. Mai 2010


„Wir waren Kinder ohne Kindheit“

WAISENKINDER Ehemalige des Vareler Stifts treffen sich nach 50 Jahren – Verdrängtes kommt hoch


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Wiedersehen nach 50 Jahren: Erwin Vatteroth, Tina Mettjes, Ulrich Feldmeyer und Heinrich Gäfecke, der während des 2. Weltkrieges im Waisenstift war.  BILD: Philipp Herrnberger  Bild vergrößern

Maria Strahlmann aus Brake hat oft vor dem Waisenhaus aus dem 17. Jahrhundert gestanden. Viele Male in 50 Jahren. Am Freitag ist sie zum ersten Mal seit 1956 über die Schwelle gegangen.

von frank jungbluth

varel - „Wenn ich da gleich hineingehe, wird alles wieder lebendig“, sagt Maria Strahlmann (63). Sie hat Angst vor dem großen Schritt über die Schwelle zur Vergangenheit. Die Frau, die ein kleines 9-jähriges Mädchen war, als sie im Waisenstift Varel leben musste, wird an diesem Tag von ihrer Tochter begleitet. „Mutter, dass Du so eine Liebe geworden bist, nach allem, was Du erlebt hast“, sagt sie.

Es ist der Tag, an dem sich 50 derer wiedersehen, die vor dem 2. Weltkrieg, währenddessen und nach dem Krieg im Waisenstift Varel aufgewachsen sind. „Wir wissen, dass diese Menschen, die Kinder des Waisenstifts Varel mit Bedrückung hierher gekommen sind. Wir wissen: Hinter den schönen Mauern dieses alten Gebäudes hat auch das Grauen regiert“, sagt Ulrich Feldmeyer, der heute Leiter des Waisenstifts Varel ist.

Feldmeyer (59) hat sich mutig der dunklen und brutalen Vergangenheit des Hauses gestellt, das seit 1671 ein Waisenhaus in Varel ist. Nach den Berichten in der NWZ  über Misshandlungen dort und in anderen Heimen des Oldenburger Landes, in Niedersachsen und der gesamten Republik, hat er gemeinsam mit unserer Zeitung beschlossen, dass man mit den Opfern von damals ins Gespräch kommen muss. Dass man hier im Waisenstift mithelfen kann, die Schmerzen der Opfer von Gewalt und Misshandlung, Unterdrückung und Missbrauch an Leib und Seele ein bisschen zu heilen.

Dafür hat man Feldmeyer bedroht in Varel. Er werfe Dreck, haben anonyme Anrufer ihm gesagt. Man wisse, wo seine Familie wohne. Er solle sich vorsehen. „Das hat mich schlaflose Nächte gekostet, aber ich gebe nicht auf.“

Gerd-Christian Wagner, Bürgermeister der Stadt Varel, hat sich im Namen der Stadt und seines Rates ebenso der Verantwortung gestellt. „Wir sind bei ihnen“, hat er den Opfern am Freitag gesagt.

Waltraud Jörg ist eines dieser Opfer. Die 67-jährige Krankenschwester mit dem roten Blazer geht energisch nach vorne, als sie zu den Ehemaligen spricht. Es ist still im Saal, als sie von den Schlägen erzählt und davon, wie den Jungen zur Strafe vor allen im Innenhof des alten Vareler Waisenstifts die Haare geschoren wurden, bis da kleine Glatzköpfe standen. Die ersten im Saal weinen bei diesen Worten. Überhaupt fließen viele Tränen an diesem Tag der Erinnerung und des Wiedersehens. An diesem Tag der Konfrontation mit einer Geschichte, die das Leben aller geprägt und irgendwie bestimmt hat, die hier einmal lebten und litten.

„Es ist gut, wenn wir heute weinen“, sagt Tina Mettjes (70), die in den 40er Jahren im Waisenstift war. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Meine Kinder und Enkel schenken mit so viel Liebe. Alle sind gesund. Das ist wichtig.“ Tina Mettjes musste im Vareler Heim immer Geburtstag am 2. September feiern. „Dabei hatte ich doch erst am 2. Dezember Geburtstag. Die Heimleiter wollten es so.“

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Sie habe alles jahrzehntelang verdrängt. „Ich konnte ja mit niemandem darüber sprechen.“ Ursula Graef (66) sagt heute traurig.: „Heute denke ich, die ganze Kindheit ist weggeschmissen. Sie war von 1947 bis 1952 im Vareler Heim. „Kindheit soll eine schöne Zeit sein. Wir waren Kinder ohne Kindheit.“ Ursula Graef hat ein Dokument bei sich, in dem die Hausordnung des Waisenstifts abgedruckt ist: „Schläge auf den Kopf sind beim Züchtigen zu vermeiden“, steht da. „Aber gerade auf den Kopf haben die uns immer geschlagen“, sagt sie. Und die Angst vor diesen Schlägen quält sie bis heute.






 



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