DöTLINGEN, 26. Mai 2011


Mordermittlung nachts im Museum

Archäologie Wer war das „Mädchen aus dem Bareler Moor“? – Erster Moorleichen-Fund im Norden


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Verbrechens-Geschichte im Museum (von links): Klaus Püschel, Michael Schultz und Eilin Jopp BILD: Karsten Krogmann  Bild vergrößern

Gerichtsmediziner spüren den Geheimnissen von Toten aus längst vergangenen Zeiten nach. So kommen auch Verbrechen ans Tageslicht.

von Karsten Krogmann

Dötlingen - Vielleicht muss man es ja so sehen: Nach 1700 Jahren ist von den meisten Menschen gar nichts mehr übrig, nicht einmal die Erinnerung daran, dass sie jemals gelebt haben. Insofern sind 30 Zentimeter Haut ganz schön viel.

Fast zärtlich klappt Eva Schreiber oben im Landesmuseum den gläsernen Klimaschrank auf, hebt vorsichtig das Pergamentpapier hoch, „das schützt die Haut vor Helligkeit“. Die Restauratorin lächelt, dann sagt sie ein bisschen feierlich: „Das hier ist das Mädchen aus dem Bareler Moor.“ Mattes Lampenlicht scheint auf ein trapezförmiges Stück Leder, es ist keine 20 Zentimeter breit, zweimal wurde es bereits grob genäht.

Es ist 19.30 Uhr, also sozusagen nachts im Museum, unten im Vortragssaal stellt sich Professor Dr. Klaus Püschel gerade als der „Quincy von Hamburg“ vor. Püschel, Jahrgang 1952, ist Gerichtsmediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Hauptberuflich obduziert er aktuelle Mordopfer, sagt Sätze wie: „Der Tod trat um 13.40 Uhr ein.“ Nebenberuflich beschäftigt er sich mit Todesfällen, die länger zurückliegen, „da kann man das nicht mehr so sagen“. Beim Mädchen aus dem Bareler Moor konnten die Wissenschaftler den Todeszeitpunkt immerhin auf die Jahre 260 bis 396 nach Christus einschränken.


Experten für Todesfälle
Neben Püschel steht Professor Dr. Dr. Michael Schultz, Jahrgang 1945, Paläopathologe an der Uni Göttingen. Paläopathologen beschäftigen sich mit Krankheiten in längst vergangenen Zeiten, „wir rekonstruieren die Biografie von Menschen, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden gelebt haben“, erklärt Schultz. Besonders gern untersuchen Paläopathologen Knochen von verstorbenen Menschen, aber leider hat das Mädchen aus dem Bareler Moor keine Knochen mehr. Also fängt Schultz heute lieber mit der „älteren Dame aus der Esterweger Dose“ an, die nach neueren Untersuchungen wohl ein Junge von 14 Jahren war.

Bei Eva Schreiber oben in der Ausstellung stehen nämlich noch zwei weitere Klimaschränke: in einem liegt die Moorleiche aus der Esterweger Dose, nur noch ihr Skelett ist erhalten, in einem zweiten der „Junge von Kayhausen“. Er schwimmt in einem Aquarium in einer Formalinlösung, in Ameisensäure.

Professor Schultz sagt, Paläopathologie funktioniert „so ähnlich wie ein Krimi“.

Die Wissenschaftler bestimmen das Alter mit der Radiokarbonmethode, auch C14-Methode genannt, indem sie den Zerfall von radioaktiven Kohlenstoff-Atomen (=C14) messen. Dann schieben sie die Leiche in den Computertomographen, machen Isotopenmessungen, röntgen sie, legen sie unters Rasterelektronenmikroskop. „Wir können im wahrsten Sinne des Wortes in den Knochen lesen“, raunt Schultz.

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Zum Beispiel in den Knochen des Jungen aus der Esterweger Dose, gefunden 1939, Todeszeitpunkt etwa zwischen 1046 und 1164 nach Christus: Rechtshänder, normal gebaut, keine Mangelerscheinungen, keine „Arme-Leute-Krankheiten“. Aber, weist Schultz nach, er hatte Zerrungen, möglicherweise Folgen einer Kindesmisshandlung, „nach einem Unfall sieht das nicht aus“, und er hatte eine eitrige Knochenmarkentzündung. Schultz: „Vermutlich ist er an einer Blutvergiftung in Folge der Entzündung gestorben.“


Operative Fallanalyse
Kein Fall ist je vergessen, und Gerichtsmediziner Klaus Püschel weiß jetzt sogar von einem Mord zu berichten: begangen im 2. oder 3. Jahrhundert vor Christi Geburt.

Oben im Ausstellungsraum zeigt der Junge von Kayhausen deutliche Einstichverletzungen. Seit der Bergung der Leiche im Jahr 1922 gab es deshalb zahlreiche Untersuchungen und noch mehr Theorien: Der Junge sei etwa sechs Jahre alt gewesen und gehbehindert, man habe ihn nicht länger durchfüttern wollen, wegen seiner Schwäche habe man ihn getötet.

Es ist 19 Uhr, Püschel läuft schnell noch einmal nach unten in die Restaurationswerkstatt, sein Vortrag beginnt ja erst in einer halben Stunde. Auf dem Tisch steht ein Plastikbehälter mit der Inventarnummer C 228, Püschels Mitarbeiterin Eilin Jopp hält eine schwarze Kugel in ihren behandschuhten Fingern: einen Hüftgelenksknochen des Jungen von Kayhausen. Ja, sind sich die Wissenschaftler einig, der Junge war älter als sechs, nein, gehbehindert war er nicht. Püschel nickt zufrieden: Alles passt.

Im Vortrag sagt er, er habe eine „Operative Fallanalyse“ gemacht, „ich habe wie ein Profiler gearbeitet“. Ergebnis: Der etwa 13-jährige Junge war gefesselt und entkleidet, er wurde erstochen, anschließend hat sein Mörder ihn behutsam begraben. „Undoing“ nennen das die Kriminologen, Wiedergutmachung. „Ich gehe davon aus, dass der Junge Opfer eines sexuellen Missbrauchs war.“ Ihm sei da vieles sehr bekannt vorgekommen, sagt Püschel; er war schließlich Gerichtsmediziner im Mordfall Dennis.

„Das ist Wahnsinn“, staunt Professor Mamoun Fansa, Direktor des Landesmuseums für Natur und Mensch in Oldenburg, „was uns die Moorleichen alles über die Vergangenheit erzählen können: Sie können uns verraten, wie groß die Leute damals waren, was sie aßen, welche Kleidung sie trugen, welche Krankheiten sie hatten!“ Ja, sie verraten sogar, ob sie ermordet wurden. Es fehlt nur noch, dass man den Täter stellt.


Geschichte geht weiter
Aber was ist nun mit dem Mädchen aus dem Bareler Moor (Gemeinde Dötlingen)?

Es war der erste Moorleichen-Fund hier im Norden. Ein Oldenburger Apotheker verbreitete die Sensation 1791 in der Presse, bald meldeten Forscher aus aller Welt ihr Interesse an. Der Kopf der Leiche wurde nach Kopenhagen verschickt, ein Bein ging nach Clausthal, Hautstücke landeten in St. Petersburg. Alles verschwand, nur 30 Zentimeter Leder in Oldenburg blieben. Professor Schultz untersuchte es im Computertomographen und fand heraus: Ja, es ist Haut, ja, es ist eine Brust; er sah Reste einer Brustdrüse. Er entdeckte auch ein Haar und sogar eine Bleistiftmarkierung von einer ganz frühen Untersuchung. Aber ob das Mädchen aus dem Bareler Moor tatsächlich ein Mädchen war und wie alt es geworden ist, kann er nicht sagen. Dafür sind 30 Zentimeter Haut dann doch zu wenig, dafür bräuchte er nun den Kopf, das Bein, ein weiteres verschwundenes Leichenteil.

„Aber“, mischt sich Professor Püschel ein, „die Geschichte der Mädchens vom Bareler Moor ist damit noch lange nicht zu Ende.“ Er lächelt listig: „In zehn Jahren wissen wir vielleicht mehr.“






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