SYKE, 18. Juni 2011


Auf einem Weg der Überraschungen

Archäologie Grabungen entlang der Nordeuropäischen Erdgas-Pipeline – Funde zwischen Elbe und Dümmer


Bild

Geduldige Kleinarbeit mit Spachtel und Pinsel: Archäologen graben in Gessel bei Syke (oben). – Der Lohn: ein germanisches Keramikgefäß aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. (unten rechts). – Schmuckstück: eine Scheibenfibel (Gewandspange) aus dem 11. Jahrhundert (kleines Bild) BILDer: Lore Timme-Hänsel/NLD  Bild vergrößern

Der bisher älteste Fund ist eine Feuerstelle im Landkreis Diepholz aus der mittleren Steinzeit. Grabbeigaben lassen auf germanisch-römische Handelsbeziehungen schließen.

von Lore Timme-Hänsel

Syke - Es geht einige Kilometer durch einen Wald, bevor an einer Lichtung ein gelb blühendes Rapsfeld auftaucht – mittendrin ein Bagger und Bauwagen. Doch auf dem Feld in dem Dörfchen Gessel bei Syke (Landkreis Diepholz) ist kein Baulärm zu hören, stattdessen hocken Männer und Frauen in quadratisch ausgehobenen Gruben und tragen konzentriert mit kleinen Spachteln Zentimeter für Zentimeter lockeren Lehmboden ab. Es sind Archäologen am Werk, und Gessel ist eine von vielen Grabungsstellen entlang der Erdgas-Pipeline, die in Niedersachsen durch die Landkreise Diepholz, Harburg, Lüneburg, Rotenburg und Verden verläuft.


Hemmoorer Eimer
„Es handelt sich um eine reiche Kulturlandschaft, deren Bodenarchiv wir bisher nur zu etwa zehn bis 20 Prozent kennen“, sagt Dr. Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege (NLD). Die fast 200 Kilometer lange und 36 Meter breite Pipeline-Trasse ist eines der größten Archäologieprojekte Norddeutschlands und steht unter Zeitdruck, denn Ende 2012 soll das Erdgas aus Sibirien durch die Leitung fließen.

Wie an einer Perlenschnur reihen sich entlang der Trasse Siedlungen, Gräberfelder und Einzelfunde von der Mittleren Steinzeit der Jäger und Sammler (rund 10 000 Jahre alt), der Bronze- und Eisenzeit bis ins Hohe Mittelalter und die Neuzeit (18. Jahrhundert) auf. In Gessel sind die Archäologen auf einen Friedhof mit 64 Gräbern aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. gestoßen, angelegt auf einer kleinen Anhöhe nur wenige 100 Meter entfernt von einer germanischen Siedlung am Waldrand. Es sind Brandgrubengräber.

Aus einem dieser Gräber stammt ein Prachtstück – der sogenannte Hemmoorer Eimer. Es handelt sich dabei um ein Bronzegefäß, aus dem die Römer ihren Wein mit Wasser vermischt servierten. „Die Germanen haben versucht, die römische Lebensart nachzuempfinden“, erklärt Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann und verweist auf mehrere Grabungsfelder mit römischen Funden rund um Bremen. „Die Germanen und Römer haben nicht nur Krieg gegeneinander geführt, sondern auch Handel miteinander getrieben “, steht für Stefan Winghart längst fest.

Vielleicht gehörte der Hemmoorer Eimer auch einem germanischen Söldner, der nach seinem Dienst in der römischen Armee als Ruheständler in seine Heimat zurückkehrte.



An Spekulationen mag sich der örtliche Grabungsleiter Gerald Bredemann nicht beteiligen, für ihn geben die Funde Aufschluss über die damalige Bevölkerungsstruktur und die Ernährung, über Alter und Status der Männer und Frauen – und das ist spannend genug.


Allzweckmittel Glättstein
Stolz präsentiert er einige der Stücke, die in den zurückliegenden Wochen mit Spachtel und Pinsel in bewundernswert geduldiger Kleinarbeit aus dem Boden geholt worden sind. Darunter eine Bronzefibel und ein Spinnwirtel (Teil einer Handspindel) aus einem Frauengrab, Knochennadeln, Flintpfeilspitzen und Bronzebleche aus anderen Gräbern. Unscheinbar nimmt sich daneben ein Glättstein aus. „Das war ein Allzweckmittel“, erklärt Bredemann, „zur Bearbeitung von Leder, zum Glätten von Keramik und zur Herstellung von Farben.“

ANZEIGE

Etwa 80 Archäologen und Hilfskräfte sind auf Grabungsstellen im Landkreis Diepholz beschäftigt, in den anderen Landkreisen sind es ebenso viele. „Unsere Erwartungen sind weit übertroffen worden“, ist der Bezirksarchäologe Friedhelm Wulf „echt begeistert“, was der Schnitt durch die Jahrtausende bereits zutage gefördert hat.

Zu den besonderen Funden zählen zum Beispiel die neun Körperbestattungen in Einzelgräbern bei Eydelstedt im Kreis Diepholz. Die ehemaligen Grabhügel waren von einem Graben umgeben, in einem Fall zeichnete sich noch die Bestattung im Sand als Leichenschatten ab. „Das ist bemerkenswert, da sich in diesem Boden Knochen nicht erhalten haben“, erklärt Henning Haßmann.

Seltenheitswert haben auch Siedlungsfunde aus der Völkerwanderungszeit (Ende 4. bis Anfang 8. Jahrhundert n. Chr.) und mittelalterliche Wölbackerstrukturen, wobei es sich um Ackerhochbeete handelt. Aus den Anfängen des Geldverkehrs stammt der um 165 n. Chr. geprägte römische Silberdenar aus der Zeit von Marc Aurelius. Zu den bemerkenswerten Fundstücken gehört auch eine Goldmünze, ein sogenannter Postulatsgulden, von Rudolf von Diepholz, der von 1423 bis 1455 Bischof von Utrecht war.

Den bisher ältesten Fund haben Archäologen in Donsdorf bei Eydelstedt mit einer 10 000 Jahre alten Feuerstelle aus der mittleren Steinzeit gemacht. „Wir sind auf einem Weg der Überraschungen. Das Archiv unter unseren Füßen wird ein neues Bild der alten Welt ergeben“, ist sich Stefan Winghart sicher.






WEITERE ARTIKEL AUS DIESEM RESSORT
Filmreife Verfolgungsjagd auf Dieb in Wilhelmshaven

23.05.2012 - Zu einer filmreifen Verfolgungsjagd kam es am Dienstagnachmittag im Ortsteil Maadebogen von Wilhelmshaven. Grund war ein vorausgegangener Ladendiebstahl bei einem Verbrauchermarkt in der Sven-Hedin-Straße.mehr

Werder Bremen verpflichtet Verteidiger aus Düsseldorf

23.05.2012 - Werder Bremen hat den Abwehrspieler Assani Lukimya-Mulongoti von Fortuna Düsseldorf verpflichtet. Der 26-Jährige unterschrieb nach Angaben des Fußball-Bundesligisten am Mittwoch einen Vertrag bis 2015.mehr

Baltrum: Insel erhält neue Küstenschutzmauer

23.05.2012 - Niedersachsens Umweltminister Stefan Birkner (FDP) hat den Bau einer neuen Küstenschutzmauer auf der ostfriesischen Nordseeinsel Baltrum gestartet.
„Die Sturmfluten der Jahre 2006 und 2007 haben an der alten Bauwerkssubstanz deutliche.mehr

Osnabrück: Vater soll Sohn zu Tode geschüttelt haben

23.05.2012 - Ein Vater aus Osnabrück soll seinen vier Monate alten Sohn zu Tode geschüttelt haben. Gegen den 34-Jährigen hat die Staatsanwaltschaft am Mittwoch Anklage erhoben, wie ein Sprecher mitteilte.
Der Mann soll das Baby Mitte Februar so stark.mehr

Kündigung von Chefarzt nach Keimskandal in Bremen unwirksam

23.05.2012 - Die Entlassung des Chefarztes der Bremer Frühchenstation nach der tödlichen Infektionswelle im vergangenen Jahr ist nicht rechtens. Das Arbeitsgericht erklärte am Mittwoch die Kündigung von Hans-Iko Huppertz für unwirksam.mehr

Anzeige
Umfrage

Steigt Fortuna Düsseldorf nach den Ausschreitungen beim Relegationsspiel zu Recht in die Fußball-Bundesliga auf?




Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Textfeld! Captcha
Marktplatz
Regional
Immobilien
Automarkt
Flohmarkt

Jobs
NWZ-Wetter
27 °C
12 °C
Details/Prognose Wetterwarnung Regenradar
 
RSS-Dienste RSS-Dienste | RSS-Dienste Webcams | Mobil | Kontakt | Impressum | Login
AktuellesAus der RegionKundenserviceMarktplatzRat und Tat