Im Liegen ein Menschenleben retten
Gesundheit Bei einer Leukämie-Erkrankung bieten Blutstammzellen die beste Chance auf Heilung
Michael Deyen während der Stammzellenspende. Sein Blut fließt aus einer Vene im linken Arm in die Maschine, die neben dem Bett steht. Dort filtert eine Zentrifuge die Zellen aus dem Blut, das in den rechten Arm zurückfließt. BILD: Marius Meyer 
von Marius Meyer
Lindern - Während Michael Deyen aus Lindern (Kreis Cloppenburg) versucht, ein Menschenleben zu retten, liegt er stundenlang still auf einem Bett. Er langweilt sich. Wenige Meter entfernt flimmert Leonardo DiCaprio über einen Bildschirm. Doch Deyen kann der Geschichte kaum folgen. Um ihn herum ist es laut und seine Funkkopfhörer sind nicht korrekt eingestellt. Sie rauschen, doch er kann sie nicht abnehmen. Er darf die Arme nicht bewegen. Sie liegen reglos neben ihm. Lange Kanülen stecken darin, Schläuche führen zu der Maschine, die neben Deyens Bett steht und ihm mit störenden Geräuschen den DVD-Genuss unmöglich macht. Deyen spendet Blutstammzellen.
Diese Stammzellen werden vor allem für die Therapie Leukämie-Kranker benötigt. Leukämie, auch bekannt als Blutkrebs, ist eine Erkrankung der weißen Blutkörperchen, die für die Abwehr von Infekten zuständig sind. Ihr Reifeprozess im Knochenmark ist gestört. So wie bei anderen Krebsarten Tumore, wuchern bei der Leukämie diese defekten Blutkörperchen, es kommt zu einer explosionsartigen Vermehrung. Die roten Blutkörperchen und die Blutplättchen werden verdrängt. Sie sind zuständig für Sauerstofftransport und Gerinnung.
Schlüssel zur Lebensrettung
Unbehandelt führt Leukämie zum Tod. Die besten Chancen auf Heilung bietet die Transplantation – bekannt vor allem als Knochenmarktransplantation. Bei ihr werden Stammzellen aus dem Beckenknochen entnommen. Doch in 80 Prozent aller Fälle wird die Entnahme von Blutstammzellen gewählt.
In Deyens Blut liegt der Schlüssel für die Rettung eines Lebens. Er weiß das. „Als ich gehört habe, dass ich für einen Stammzellspende infrage komme, war ich zuerst bedrückt. Ich war plötzlich der Notnagel für jemanden, dem es schlecht geht, der Hilfe braucht“, berichtet er. Dann aber habe sich ein schönes Gefühl eingestellt, eben weil er diese Hilfe bieten kann. Er erzählt dies am Vorabend der Spende, in einem geschmackvollen Vier-Sterne-Hotelzimmer in Hameln. Das Zimmer wird ihm gestellt, fünf Fußminuten entfernt befindet sich das Sana-Klinikum Hameln-Pyrmont. Es ist ein Zentrum für die Transplantation von Stammzellen.
Auf der Station für Hämatologie und Onkologie liegt Deyen nun. Aus einer Vene fließt Blut über ein Schlauchsystem in die Maschine neben seinem Bett – es ist ein Separator. Zentrales Element ist eine Zentrifuge, die das Blut in seine Bestandteile trennt. Die Schicht mit den meisten Stammzellen wird entnommen. Der Rest fließt über einen Schlauch zurück in Deyens Arm.
In den Tagen zuvor hat Deyen sich auf die Operation vorbereitet. „Der Spender fängt vier Tage vorher an, sich G-CSF oder Granocyte zu spritzen, das ist ein Wachstumsfaktor für das Knochenmark“, erklärt Chefarzt Helmuth Schmidt das Verfahren. Dieses Hormon ist im Blut jedes Menschen vorhanden und regelt die Zahl der weißen Blutkörperchen. „Es ist logisch, dass bei zusätzlichem Faktor die Zahl der Weißen Blutkörperchen ansteigt. Dabei werden auch Stammzellen ins Blut abgegeben. Das ist in den letzten Tagen Herrn Deyen passiert.“
Zweimal täglich hat der 27-Jährige, der als Software-Entwickler für einen großen Bäckereikonzern arbeitet, sich selbst die Spritzen gesetzt, morgens und abends. Versäumt habe er das nie. Ihm war bewusst, was von ihm abhängt, welche Verantwortung auf ihm lastet. „Ich bin einmal morgens um halb sechs aufgewacht, mit dem Gedanken ‚Spritzen nicht vergessen!‘“ Die Vorbereitung lief nicht ganz ohne Nebenwirkungen ab. „An einem Morgen hatte ich Rückenschmerzen“, berichtet Deyen. „Heute Morgen bin ich mit Kopfschmerzen aufgewacht.“ Grippeähnliche Symptome sind nicht selten. Mit dem Granocyte wird dem Spender auch gleich eine Packung Paracetamol geliefert.
Als Spender konnte Deyen gefunden werden, weil er an einer Typisierungsaktion der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) teilgenommen hatte. Das war vor sieben Jahren. Damals war ein Fünfjähriger in Friesoythe (Landkreis Cloppenburg) an Leukämie erkrankt. Die DKMS rief zu einer Typisierungsaktion auf. 4600 Menschen machten mit. „Ich bin da damals hingefahren im jugendlichen Überschwang, helfen zu können“, erinnert sich Michael Deyen. Doch das Kind starb. Umso mehr freut es Deyen, jetzt helfen zu können. 69 andere Personen, die sich mit ihm typisieren ließen, so berichtet die DKMS, haben inzwischen Stammzellen gespendet.
Merkmale müssen passen
Wenige Monate vor der Spende bekommt er einen Brief von der DKMS. Die teilt ihm mit, dass er einer von wenigen möglichen Spendern für einen Patienten sei. Ob Deyens Zellen allerdings wirklich genau passen, ist zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss. Aus Kostengründen werden bei der Typisierung nicht alle nötigen Gewebemerkmale untersucht. Deswegen werden die Stammzellen der typisierten Personen, deren bekannten Gewebemerkmale mit denen des Empfängers übereinstimmen, nun genauer untersucht. Bei Deyen passt es. Er wird ausgewählt.
Ende Mai fährt er dann ein erstes Mal von seinem Heimatort Lindern nach Hameln und wird umfassend von Professor Schmidt untersucht. Er erklärt: „Wir wollen auf Nummer sicher gehen, dass einem Spender nichts schlimmes passieren kann.“ Der Onkologe gibt Deyen für die Spende frei.
Im Transplantationszimmer ist die Begeisterung, ein Leben retten zu können, inzwischen der Langweile gewichen. Es ist 11.43 Uhr, seit gut dreieinhalb Stunden liegt Deyen auf dem Bett, die Maschine neben ihm rattert weiter monoton. Laut LED-Anzeige muss er noch 31 Minuten liegen bleiben. „Es ist echt total langweilig, ich habe keinen Bock mehr“, mault er ein wenig.
In diesem Moment hofft er nur, dass die Spende reichen wird. Dass genug Stammzellen in dem Beutel sind, der an der Maschine baumelt und in dem sich ein knapper halber Liter rote Flüssigkeit angesammelt hat. Falls nicht, muss er am kommenden Morgen noch einmal ran. Die DKMS hat ihm und seiner Freundin deshalb zwei Nächte im Hotel gebucht.
Als der Separator meldet, dass die Entnahme abgeschlossen ist, werden die Kanülen aus den Armen gezogen. Professor Schmidt verplombt den roten Beutel. Eine Probe wird Aufschluss geben, ob die Spende ausreicht. Das Transplantat kommt in einen Kühlkoffer. Ein Bote holt es später ab und bringt es in das Transplantationszentrum, in dem der Leukämie-Patient wartet. Irgendwo auf der Welt.
Immunsystem zerstört
Der Empfänger ist dort in den vergangenen Tagen auf die Infusion mit den Stammzellen vorbereitet worden. Eine Chemotherapie hat sein Immunsystem komplett zerstört. Es gibt jetzt kein Zurück mehr, der Patient braucht die Spende. Die Stammzellen werden sich im Knochenmark sammeln und dort neues Blut produzieren. In Zukunft wird der Empfänger sogar Deyens Blutgruppe haben. Michael Deyen wird den Empfänger nie treffen, da in dessen Land die Weitergabe der Identität untersagt ist. In anderen Fällen bringt die DKMS später Empfänger und Spender zusammen.
In Hameln bekommt Deyen um kurz vor vier Uhr einen Anruf. Die Spende reicht aus. Er muss am folgenden Tag nicht noch einmal an die Maschine. Abends stoßen er und seine Freundin mit Wein an. Deyen hat vielleicht ein Menschenleben gerettet.
Etwa 11 000 Menschen erkranken jedes Jahr in Deutschland an Leukämie. Im Durchschnitt erhält alle 45 Minuten ein Patient diese Diagnose.
Die DKMS wurde vor 20 Jahren gegründet. Sie ist aus einer privaten Initiative heraus entstanden.
25 000 Transplantationen hat die DKMS seitdem vermittelt. Mehr als 2,4 Millionen mögliche Spender sind in der Datei registriert. Jeder fünfte Patientfindet dennoch keinen „genetischen Zwilling“.
Typisieren lassen kann sich jeder gesunde Mensch im Alter zwischen 18 und 55 Jahren.
Die Wahrscheinlichkeit nach einer Typisierung tatsächlich um eine Stammzellspende gebeten zu werden, beträgt in den ersten zehn Jahren 10 Prozent.
Weitere Informationen auf der Homepage der DKMS.
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