Oldenburg: Kinder vergiftet – Anzeigen gegen Stadt
Gasunfall Acht und neun Jahre alte Grundschüler drei Tage im Krankenhaus – Polizei ermittelt
Der Fundort: Untersuchungsgerät der Feuerwehr auf dem Rasen des Sportplatzes direkt neben der Turnhalle der Grundschule Alexandersfeld BILD: Feuerwehr 
von Thorsten Kuchta Und Jasper Rittner
Oldenburg - Der Giftunfall von Freitag in Oldenburg weitet sich zum handfesten Skandal aus. Stück für Stück kommen beängstigende Details der Pannenserie ans Licht. Nach mehreren Strafanzeigen ermittelt die Polizei.
Rückblick: Am Freitag gegen 15.30 Uhr hatten drei Kinder auf dem Sportplatz des Post SV an der Alexanderstraße gespielt. Zwei neunjährige Mädchen gruben dabei aus einem plattgetretenen Maulwurfshügel auf der Rasenfläche wenige Stunden zuvor vergrabene Giftköder aus. Die Chemikalie (siehe Stichwort unten) strömte aus, die Mädchen und ein Junge (8) atmeten das gefährliche Gas ein.
„Wir wussten erst nicht, was los ist“, erzählt ein Vater. Es gab keine Warnschilder, aber Bekannte hatten eine Schädlingsbekämpfungsfirma gesehen. Er rief an, erfuhr, um welches Mittel es sich handelte, und dass es nur gefährlich sei, wenn es verschluckt werde. Die anschließend telefonisch befragte Giftnotrufzentrale sah das jedoch anders. Darauf fuhren die Eltern sofort mit den Kindern ins Klinikum. Erst am Montagnachmittag, nach 72 Stunden ärztlicher Beobachtung, durften sie wieder nach Hause.
Als der Vater am frühen Freitagabend Fotos machte, um zu dokumentieren, dass es keine Warnschilder gab, spielten Post-SV-Fußballer auf der Wiese. Der Mann rief die Polizei. Und die ebenfalls alarmierte Feuerwehr fand heraus, dass weiter Gas ausströmte. Erst jetzt sperrte das Ordnungsamt den Platz, der auch von der direkt benachbarten Grundschule genutzt wird – gerade noch rechtzeitig vor der Einschulung der Erstklässler am Sonnabend.
Das Gift wurde im Auftrag des Grünflächenamts vergraben – offenbar, um einer Maulwurfplage Herr zu werden. Da das Bundesnaturschutzgesetz das Töten von Maulwürfen explizit verbietet, wurde aber offiziell nur gegen Wühlmäuse vorgegangen.
„Wir haben wegen der Verletzungsgefahr durch die Maulwurfsgänge immer wieder bei der Stadt darum gebeten, dass auf dem Platz etwas passiert“, sagte Andre Henkel, Vorsitzender des Post SV am Montag. Der Post SV wurde aber ebenso wenig über das Gift im Boden informiert wie die Schule. Henkel: „Wenn man uns und der Schule Bescheid gesagt hätte, wären 95 Prozent der Kinder im Stadtteil informiert gewesen.“
Am Wochenende hatte OB Gerd Schwandner die Kinder zwar im Krankenhaus besucht. Doch eine offizielle Gift-Warnung gab es noch immer nicht aus dem Rathaus. Erst auf Nachfrage der NWZ kündigte Schwandner am Montagabend an, „den Einsatz dieses zugelassenen, oder auch anderer, zugelassener Mittel bis auf Weiteres“ auszusetzen. Es dürfe nicht sein, so der OB, „dass die Gesundheit von Kindern beim Spielen auf einem städtischen Sportplatz gefährdet sein kann. Wir müssen deshalb eventuell mit den Sportvereinen auch über Alternativen sprechen.“
Dazu sei die Stadt mit dem Umweltbundesamt in Kontakt und werde sich mit dem Stadtsportbund abstimmen, kündigte Gerd Schwandner an.
Damit bestätigt der OB indirekt, was einer der Väter von der Polizei erfuhr: Dass das Mittel auf vielen Plätzen in der Stadt zum Einsatz kommt. Wo und in welchem Umfang, dazu gab es aber keine Aussage.
Das Gift: Polytanol
Ausgebracht wurde nach Angaben eines betroffenen Vaters das Mittel Polytanol. Laut Experten ist das Mittel gegen Wühlmäuse und Maulwürfe bei Einatmen, Verschlucken und Hautkontakt giftig. Bei Zersetzung an der Luft entsteht das Giftgas Phosphorwasserstoff.
Das starke Nerven- und Stoffwechselgift kann zum Tod durch Atemlähmung, Lungenödem und Kollaps führen.
Das Tückische: Bei Phosphorwasserstoffvergiftungen ist mit längeren Latenzzeiten zu rechnen. So kann eine Atemlähmung in seltenen Fällen auch noch nach 24 Stunden auftreten.
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