WILDESHAUSEN, 1. November 2011


Trinken bis der Arzt kommt

Alkoholmissbrauch Nachtschicht mit den Maltesern – Betrunkene junge Frau ins Krankenhaus gebracht


Bild

Schluck um Schluck bis zum Koma: Jana (Name geändert) wird von Philip Möllers versorgt: Die 21-Jährige konnte nicht mehr stehen. BILD: BILD: dpaMarius Meyer  Bild vergrößern

1680 Rettungseinsätze wegen Vergiftung gab es im Landkreis Oldenburg 2010. Dieses Mal kommt der Alarm nicht aus der Disko.

von Marius Meyer

Wildeshausen - Als die Piepser der beiden Rettungsassistenten Alarm schlagen ist es 00:37 Uhr. Der Ton der an den Gürteln hängenden Geräten ist markdurchdringend schrill, die Displays verraten, wo die Besatzung des Rettungswagen 80/41 der Wildeshauser Malteser gebraucht wird. Und was sie dort erwartet.

Thomas Schuldlos (45) wirft einen kurzen Blick auf seinen Pieper und meint knapp „Alkohol-Intox“. Der Zweimeter-Mann, der den Spitznamen „Shorty“ trägt, zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er sie wegschnippt, um dann in das Fahrzeug zu klettern. „Jetzt geht es los“, kommentiert sein Kollege Philip Möllers lakonisch. Der 20-Jährige macht gerade eine Ausbildung zum Rettungsassistenten. Beide Männer bleiben vollkommen ruhig.

Schuldlos und Möllers haben die Nachtschicht in der Rettungswache Wildeshausen. Von Sonnabend, sechs Uhr abends, bis Sonntag, acht Uhr morgens, fahren die beiden raus, wenn es an ihren Gürteln piepst. Im Landkreis Oldenburg ist häufig Alkohol der Grund für den Alarm.

Im Jahr 2010 hatte es 1680 Rettungseinsätze gegeben, weil sich jemand vergiftet hatte – meist mit Alkohol. 776 mal waren Kinder und Jugendliche betroffen. Für die vorhergehenden Jahre gibt es keine Statistik, aber der Leiter des Rettungsdienstes Jörn Kaminiski schätzt, dass die Zahlen gleichbleibend hoch sind oder sogar steigen. Bundesweit mussten im Jahr 2009 26430 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden. Eine Zunahme um 2,8 Prozent im Vergleich zu 2008.


Frau nicht ansprechbar
Der Alarm kommt nicht aus einer Disko. Die Retter werden zur Widukindhalle gerufen, einem städtischen Veranstaltungsort, wo die jährliche Fete der Feuerwehren stattfindet. Jana Schmidt (Name von der Reaktion geändert) ist nicht mehr ansprechbar. Ein Freund hält die 21-Jährige. Als er die junge rothaarige Frau an die Rettungsassistenten übergeben will, sackt sie zusammen und fällt beinahe zu Boden. Schuldlos kann sie im letzten Moment noch auffangen.

Doch vorher muss er sich zusammen mit seinem Kollegen einen Weg zu dem Mädchen bahnen. Aufgeregte Menschen stehen am Rande des Veranstaltungsgelände um sie herum, aus der Halle wummern die Bässe herüber.

Die Anwesenden meinen es gut, aber sie bewirken eher das Gegenteil. Eine Frau bestürmt Schuldlos. Sie meint offenbar, die Betrunkene verteidigen zu müssen. „Sie hat kein Problem mit Alkohol,“ erzählt sie atemlos. „Sie hat ein Problem mit Männern.“ Sie sei geschlagen worden, und vor kurzem deswegen umgezogen. Die Verteidigerin merkt nicht, dass sie Schuldlos im Weg steht. „Das kann ja alles sein, aber jetzt kümmern wir uns erst einmal um den Alkohol“, brummt Schuldlos und schiebt die Frau sanft aber bestimmt zur Seite.

ANZEIGE

Möllers und Schuldlos bugsieren die junge Frau auf die Trage, die sie aus dem Rettungswagen gezogen und bereitgestellt haben. Dabei rutschen Pullover und T-Shirt hoch. Ihr Bauch ist von bläulich-roten Dehnungsstreifen übersät. Ein paar Stunden zuvor hatte im Krankenhaus Notarzt Dr. Michael Abel gegenüber noch gesagt, dass er sich wünsche, dass die Mädchen sich sehen könnten, wenn sie in der Notaufnahme ankommen.

„Da stehen sie erst stundenlang vor dem Spiegel und machen sich hübsch, und dann landen die hier, das Make-up verschmiert, die Haare zerzaust. Und oft sind sie halb ausgezogen.“ Insgesamt, berichtet der Mediziner, werden immer öfter Mädchen und junge Frauen mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert – fast genauso viele wie Jungen und junge Männer.

An der Widukindhalle liegt der schlaffe Körper inzwischen auf der Trage. In stabiler Seitenlage, damit die Atemwege nicht verstopfen, falls das Mädchen sich erbricht. Bevor sie ihre Patientin in den Wagen schieben, diskutieren die beiden Malteser-Mitarbeiter mit den Anwesenden, wer im Krankenwagen mitfährt, um in der Notaufnahme erzählen zu können, was passiert ist.


Fahrt ins Krankenhaus
Plötzlich ist die Hilfsbereitschaft wie weggeblasen. Die Frau, die gerade noch Jana verteidigte, will sie jetzt erst seit zwei Tagen kennen. Ein betrunkenes Mädchen mit blonden langen Haaren heult die ganze Zeit. „Ich bin die beste Freundin“, schluchzt sie, „aber ich kann nicht“. Der Junge, der Jana gehalten hat, zeigt auf den Eingang zur Party und sagt, er wolle da gleich wieder rein. Erst als Schuldlos ihm erklärt, dass sich das Krankenhaus in Sichtweite befindet, er also schnell zurückkommen wird, willigt er ein und kommt mit.

Im Krankenhaus erzählt der 18-Jährige, dass Jana Wodka, Jägermeister und andere Spirituosen getrunken hat. Alles durcheinander, pur. Respekt schwingt in seiner Stimme mit. Vor der Feuerfete hätten sie sich mit einigen Freunden privat zum „Vorglühen“ getroffen. Das war um 22 Uhr. Jana hat demnach nur knapp zweieinhalb Stunden bis zur Bewusstlosigkeit gebraucht. Der 18-Jährige behauptet, dass ihre Freunde sie stoppen wollten. „Doch sie meinte, sie wisse, wie viel sie verträgt.“ Als das Mädchen nicht mehr ansprechbar war, hat jemand ein Taxi bestellt, das Jana nach Hause bringen sollte. Aber der Taxifahrer habe gemeint, ein Rettungswagen sei besser.

Während der junge Mann einer Krankenschwester erzählt, was passiert ist und ihr Janas Ausweis gibt, schiebt Schuldlos die Trage mit der jungen Frau in die Intensivstation. Über einen Tropf wird ihr eine Glukoselösung verabreicht, damit ihr Körper nicht unterzuckert. Dies könnte zu Krampfanfällen oder einem Schock führen. In den nächsten Stunden wird Jana auf der Überwachungsstation ausnüchtern.

Dabei wird ständig der Sauerstoffgehalt ihres Blutes überwacht. Wenn der zu stark fällt, würde ihr übel werden, sie könnte sich erbrechen. In Janas Zustand wäre das lebensgefährlich, ihre Atmung könnte gestört werden. Schwere gesundheitliche Probleme könnten die Folge sein. Oder Tod durch Ersticken.


Vergiftung erkannt
Im Wildeshauser Krankenhaus wird bei Alkoholvergiftungen der Promillewert nicht gemessen. Dass es eine schwere Vergiftung ist, erkennen die Krankenschwestern und Ärzte daran, dass Jana nicht ansprechbar ist, sich nicht auf den Beinen halten kann. In noch schwereren Fällen können Patienten sogar ins Koma fallen.

Jana bleibt die einzige Patientin mit einer Alkoholvergiftung, die die Malteser in dieser Nacht ins Krankenhaus bringt. In die Nähe einer Disko kommt die Besatzung von Rettungswagen 80/41 nur einmal. Als Schuldlos sich nach dem Einsatz bei McDonalds einen Kaffee holt.

Die Rettungskräfte im Landkreis Oldenburg transportieren jährlich etwa 12 000 Patienten.

Die Malteser in Wildeshausen fahren drei bis vier Einsätze pro Nacht.

Der Einsatz dauert meist zwei Stunden, wenn ein Krankenhaus angefahren werden muss.

Die Abrechnung erfolgt pauschal. Für einen Rettungswagen zahlen die Krankenkassen 343,23 Euro.




 

Leserkommentare (0)



WEITERE ARTIKEL AUS DIESEM RESSORT
Friesoyther geht bei der Millionen-Spielshow leer aus

23.02.2012 - Die Probe war sehr gut gelaufen, der Auftritt selbst verlief weniger erfolgreich: Wolfgang Wewer ist bei der ZDF-Quizshow „Rette die Million“ am Mittwochabend leer ausgegangen. Der Friesoyther, der als Kapitän die Fähre nach Spiekeroog fährt, war mit seinem Kollegen Ulrich Köllmann bei Quizmaster Jörg Pilawa angetreten, um eine Million Euro zu gewinnen.mehr

Sprit-Preise: Autofahrer schimpfen über „üble Abzocke“

23.02.2012 - „Das ist eine üble Abzocke.“ Horst Meyer steht am Mittwochvormittag an der Avia-Tankstelle in Bookholzberg und schimpft. Gerade hat er Diesel getankt – für 1,53 Euro pro Liter.
Der gebürtige Huder lebt seit 30 Jahren in der Schweiz und ist aus familiären Gründen wieder in der Region.mehr

Gemischtwaren und ein Stück Geschichte im historischen Kaufhaus Abbehausen

23.02.2012 - Das Sterben kleiner Dorfläden erscheint wie eine logische Konsequenz aus dem Aufleben großer Discounter. Die Großen kommen, und die Tage der Kleinen sind gezählt. Doch ein Kaufhaus in einem kleinen Dorf in der nördlichen Wesermarsch trotzt dieser Logik.mehr

Neuer Blick auf Bremer Bahnhof

23.02.2012 - Der Bremer Bahnhofsvorplatz bekommt ein neues Gesicht. Auf einer fast 5600 Quadratmeter großen Fläche sollen bis 2014 zwei sieben Stockwerke hohe Gebäude entstehen, teilte Bausenator Joachim Lohse (Grüne) am Mittwoch mit.mehr

Gemeinsam gegen Sonntagsarbeit

23.02.2012 - Die Proteste gegen die von dem Fleischkonzern Danish Crown an seinem Standort in Essen (Landkreis Cloppenburg) geplante Sonntagsarbeit verschärfen sich. Nachdem die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) und Gewerkschaften für Sonntag, 26.mehr

Anzeige
Umfrage

Ist Joachim Gauck der richtige Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten?




Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Textfeld! Captcha
Marktplatz
Regional
Immobilien
Automarkt
Flohmarkt

Jobs
NWZ-Wetter
11 °C
9 °C
Details/Prognose Wetterwarnung Regenradar
 
RSS-Dienste RSS-Dienste | RSS-Dienste Webcams | Mobil | Kontakt | Impressum | Login
AktuellesAus der RegionKundenserviceMarktplatzRat und Tat