„Wir wollen endlich gehört werden“
Gesundheit Ärztekammern und Apothekerkammern gibt es bereits – folgt bald auch eine Pflegekammer?
Auf der Suche nach mehr Wertschätzung: Pflegekräfte Andreas Willenborg und Antje Heckroth BILD: Thorsten Helmerichs 
von Karsten Krogmann
Oldenburg - Ich weiß da ein Beispiel, sagt Albert Schlömer, der OP-Pfleger.
Vor und nach einer Operation muss man ja zählen, all die Tupfer und Nadeln und Fäden und was man so braucht bei einer OP. Das ist komplizierter, als es sich anhört: Da gibt es alte Tücher, mit denen der Patient in den OP-Saal kommt, es gibt neue, mit denen er den OP-Saal verlässt, nichts davon darf im Bauch zurückbleiben, außer manchmal, wenn eine Wunde austamponiert wird, kurz: Wer hier zählen soll, braucht ein System. „Aber das gibt es nicht, es gibt keinen Standard“, berichtet Schlömer. „Also haben wir selbst einen geschaffen: Wir haben das lange ausdiskutiert, wir haben die Fachliteratur recherchiert – dann haben wir unsere eigene Zählkontrolle erstellt.“
Es fehlt an Kontrolle
Das hier ist Station E 14 des Klinikums Oldenburg, Intensivmedizin, an der Wand hängen große Monitore, auf denen die Vitalfunktionen der Patienten blinken; manchmal piepst es auch. Unter den Monitoren sprechen ein paar Pflegekräfte über ihre Arbeit, neben Albert Schlömer (45) sitzt Anne Wähler (53), die Bereichsleiterin im Zentral-OP. Sie sagt zu Schlömers Beispiel „Zählkontrolle“: „Es hängt sehr viel Pflege-Qualität davon ab, wie viel Freizeit ich in solche Fragen investiere.“
Und dann sagt sie noch etwas. „Die Pflege ist so ziemlich der einzige Beruf, in dem man 40 Jahre lang arbeiten kann, ohne eine einzige Fortbildung besucht zu haben.“ Es gebe eben keine übergeordnete Instanz, die den Pflegeberuf kontrolliert. Und Standards schafft, zum Beispiel bei der Zählkontrolle.
Albert Schlömer ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, „bei uns zu Hause“, sagt er, „gab es für so etwas die Landwirtschaftskammer“. Ärzte haben die Ärztekammern, Apotheker die Apothekerkammern, Handwerker die Handwerkskammer. „Und die Pflege“, findet Schlömer, „braucht eine Pflegekammer!“
Aber auch das ist komplizierter, als es sich anhört.
In Sillenstede (Stadt Schortens) sitzt Monika Skibicki, 64 Jahre alt, in ihrem Einfamilienhaus am Esstisch, vor ihr liegen Pflegekammerprospekte, Pflegekammerzeitungsartikel und Pflegekammerparteiprogramme. Skibicki war Krankenschwester und Pflegedirektorin, dann ging sie in die Altersteilzeit, „obwohl ich sehr gern gearbeitet habe“. Noch etwas hat sie immer gern getan, sie lächelt, „ich habe immer den Mund aufgemacht“. So kam es, dass sie zur Präsidentin des „Fördervereins zur Errichtung einer Pflegekammer in Niedersachsen“ gewählt wurde und zur Vorsitzenden der „Nationalen Konferenz zur Errichtung von Pflegekammern in Deutschland“ gleich mit.
Und dies ist eine ihrer beiden Hauptaufgaben, sagt Monika Skibicki: „Ich soll Politiker auf Trab bringen!“
Erbitterter Widerstand
Eine Pflegekammer ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts; man kann sie nicht gründen wie einen Verein, sie muss vom Staat eingerichtet werden. Schließlich soll sie ja auch hoheitliche Aufgaben übernehmen: Die Kammer legt fest, wer pflegen darf, welche Aus- und Fortbildungen er braucht und wie die Pflege ausgeführt werden muss. „Natürlich“, gibt Skibicki zu, „geht es auch um politische Einflussnahme: Wir wollen gehört werden, wenn in der Pflege etwas entschieden wird.“
Es gibt erbitterten Widerstand gegen die Einrichtung von Pflegekammern, allen voran die Gewerkschaft Verdi hält Pflegekammern für „überflüssig wie einen Kropf“, wie Annette Klausing vom Verdi-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen sagt. Sie meint, die Pflege-Qualität könne nicht durch Pflegekammern, sondern nur durch veränderte politische Rahmenbedingungen verbessert werden – und für die politische Interessenvertretung der Pflegekräfte seien Gewerkschaften und Berufsverbände die besseren Ansprechpartner.
Auch in der Politik bleibt die Idee Pflegekammer umstritten (siehe Kasten unten). In Niedersachsen schaffte es das Thema Pflegekammer immerhin bis in den Sozialausschuss des Landtags, „aber seitdem herrscht Stillstand“, klagt Monika Skibicki.
Uneins sind zudem die Pflegekräfte selbst. Vor allem die geplante Pflichtmitgliedschaft und der damit verbundene Pflichtbeitrag passt vielen nicht. „Dabei reden wir von vielleicht 4 Euro im Monat“, wundert sich Skibicki.
Und dies hier ist die zweite ihrer beiden Hauptaufgaben, sagt die 64-Jährige: „Ich muss die Mitarbeiter in der Pflege wachrütteln, die ja traditionell sehr unpolitisch sind.“ Sie seufzt, „manchmal könnte ich meine Pflegenden schütteln!“
Auf Station E 14 im Klinikum beugen sich Stationsleiter Andreas Willenborg (44) und Schwester Antje Heckroth (41) über die Dienstpläne, es geht mal wieder um den alltäglichen Wahnsinn. Da sind Kollegen krank geworden, die Grippe kursiert, wer übernimmt ihren Spätdienst, wer bleibt über Nacht? „Die Arbeitsbedingungen für Pfleger haben sich in den vergangenen zehn Jahren massiv verschlechtert“, sagt Willenborg. Heckroth klagt, dass es trotzdem „sehr schwierig“ ist, mit Kollegen über Berufspolitik zu sprechen, „es ist ja fast nie Zeit dafür da“.
Sprechen sie doch mal über die Pflegekammer, gibt es schnell „eine Riesendiskussion“, weiß Albert Schlömer, es geht ums Geld und um die Angst vor Kontrolle und Sanktionen. Seine OP-Kollegin Anne Wähler sagt: „Klar, ich gewinne nicht nur Rechte, ich bekomme auch Pflichten, etwa bei den Fortbildungen.“
Dabei haben die Mitarbeiter den vielleicht wichtigsten Beruf der Welt: Knapp 2,4 Millionen Pflegebedürftige gibt es in Deutschland, Tendenz: stark steigend, dazu kommen die Patienten in den 500 000 Krankenhaus-Betten. Rund 1,3 Millionen Pflegekräfte kümmern sich um sie, und gäbe es nicht so viele Menschen, die ihre Angehörigen selbst zu Hause betreuen, bräuchte man noch einmal 3,2 Millionen Vollzeit-Pflegekräfte mehr – das hat der Sozialverband VdK neulich ausgerechnet. „Wir sind die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen“, betont Antje Heckroth, „aber wir haben praktisch keine Lobby.“
Stichwort Wertschätzung
Schichtwechsel, auf E 14 wird es unruhig, zwei Monitore piepsen, eine neue Patientin wird eilig auf die Station geschoben. Die Diskussion muss enden, da wartet zu viel Arbeit. Antje Heckroth nennt noch schnell das Stichwort „Wertschätzung“, darum gehe es ihr vor allem. Wir Pflegenden wollen endlich gesehen und gehört werden, sagt sie.
„Meine Vision ist, dass sich der Stellenwert der Pflege erhöht, wenn wir eine Kammer haben“, sagt auch Monika Skibicki. Sie legt ihre Prospekte zusammen, in Kürze muss sie schon wieder los, zur nächsten Tagung, diesmal in Nordrhein-Westfalen.
Noch gibt es in Deutschland keine Pflegekammer. Aber Skibicki ist davon überzeugt: Wenn das erste Bundesland eine eingerichtet hat, folgt eine Kettenreaktion.
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