Ein Ostfriese schreibt SPD-Geschichte
Parteitag Nach zehn Jahren im Bundesvorstand tritt Garrelt Duin nicht mehr an
von Gunars Reichenbachs, Büro Berlin
Hinte - Ganz entspannt sitzt Garrelt Duin (43) in seinem Büro für Bundestagsabgeordnete. Das schwarze Sakko, dass sich der Ostfriese aus Hinte extra für den Besucher anzieht, ist Etikette. Locker in Schwarz, könnte man sagen. Dabei müsste Schwarz eigentlich für die Stimmung stehen. Auf dem am Sonntag beginnenden SPD-Bundesparteitag endet für den 43-Jährigen eine Ära: 10 Jahre SPD-Vorstand. Duin kandidiert nicht mehr. Wehmut, Trauer oder Erleichterung, weil’s vorbei ist? „Ich sehe den Abschied wenig emotional“, sagt Duin: „Es waren sehr spannende Jahre mit vielen Höhen und Tiefen für die SPD. In den letzten anderthalb Jahren habe ich nach und nach viele Parteifunktionen abgegeben, so ist der Abschied aus dem SPD-Bundesvorstand Teil eines Prozesses.“
Alles kühl, alles kalkuliert? Duin lehnt sich zurück. Dann lächelt er doch: „In der kurzen Zeit habe ich immerhin fünf bis sechs Parteivorsitzende erlebt, Müntefering amtierte sogar zweimal.“ Bei der Vielzahl der Stellvertreter muss Duin passen, manche Namen fallen ihm gar nicht mehr ein.
Turbulente Zeiten. Wie der Einstieg. Auf dem Nürnberger Parteitag 2001 kandidierte Eva Högl aus Oldenburg/Ammerland nicht mehr für den Vorstand. „So ergab sich kurzfristig die Frage, wer für den Vorstand antritt“, erzählt Duin, der damals gerade frisch im Europa-Parlament saß. „Aber auf der Bundesebene kannte mich niemand“, gibt der Niederachse zu. „Ich bin dann überraschend in den Vorstand eingezogen – auch aufgrund der guten Mithilfe von Europa-Abgeordneten. Und von Reinhold Robbe aus Bunde!“ Der ostfriesischen Strippenzieher-Kunst fielen „leider zwei Kolleginnen aus dem Europa-Parlament zum Opfer, die mir das ein paar Monate lang übel nahmen“, schmunzelt Duin in der Rückschau: „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Reinhold Robbe dann nach der Wahl die Bühne des Parteifestes am Abend betrat und sagte: ,Wir wollen kurz innehalten. Nach knapp 140 Jahren Parteigeschichte hat es der erste Ostfriese in den Parteivorstand geschafft!’ Wir hatten bei diesen Worten großen Spaß.“
Dramatische Szenen gab’s genug. Auf „Basta-Schröder“ folgte Franz Müntefering in einer „Nacht- und Nebel-Aktion“ mit eilig einberufener Pressekonferenz. In dieser Dreiviertelstunde vor der Konferenz formulierte Duin schon eine Presseerklärung als Bezirksvorsitzender Weser-Ems – und ließ sie mit Beginn des Schröder/Müntefering-Auftritts abschicken. Daraufhin riefen reihenweise Journalisten an. „Ich war der Erste mit einer Reaktion auf dem Markt – während andere in der SPD noch Luft holten“, lacht der Mann aus Hinte, der plötzlich über alle Medien-Kanäle lief.
Es bleibt spektakulär an der SPD-Spitze: der legendäre Rücktritt Münteferings, das Interregnum des gesundheitlich am Ende geschafften Brandenburgers Wolfgang Platzeck, den Duin („Es schmerzt mich, dass er nicht mehr Zeit bekommen hat“) noch heute hoch respektiert oder die Phase des behäbigen Rheinland-Pfälzers und Ministerpräsidenten Kurt Beck, der, so Duin, „nie im Willy-Brandt-Haus richtig ankam“.
Ob es oben an der Parteispitze manchmal an Menschlichkeit fehlt? „Ja, das ist so“, sinniert Duin. „Gerade, wenn man das Ende der Vorsitzenden sieht.“ Notwendig sei das nicht, glaubt der Ostfriese, der sich „mehr gegenseitige Wertschätzung“ wünscht: „Wenn man aus dem Vorstand wie ein geprügelter Hund herausgeht, führt das zu nichts.“ Dazu gehört auch der Verzicht auf Basta-Attitüden mancher Vorsitzenden, die Vorstands-Sitzungen „nur als unangenehme Unterbrechung des Tagesablaufs“ empfanden. Sigmar Gabriel nimmt Duin ausdrücklich heraus. Bei den Vorgängern jedoch „gab es Phasen, wo nach einer halben Stunde von 30 Vorstandsmitgliedern nur noch zwei anwesend waren.“
Stolz ist Duin auf ein Ereignis: „Ich hatte im Vorstand ein einziges mal das Vergnügen, gegen den Rest des Vorstands zu stimmen.“ Es ging um die Frage einer Koalition mit der Linken nach der Hessenwahl 2008. „Ich hatte mich eigentlich mit acht Vorstandsmitgliedern verabredet, diese Linie abzulehnen. Als es zur Abstimmung kam und ich im sicheren Gefühl der Gruppen-Solidarität meine Hand hob, um gegen eine Koalition mit der Linken zu stimmen, stellte ich fest, dass sich die sieben Mitstreiter verkrümelt hatten. Da habe ich auch etwas gelernt. Geschadet hat es mir nicht, weil viele draußen meine Meinung teilten.“
In den letzten zwei Jahren hat Duin eine „neue Diskussionskultur“ ausgemacht: „So anstrengend Gabriel auch vom Naturell her ist, weil er gerne Entscheidungen allein mit sich diskutiert und dann am Ende trifft, so hat Gabriel dennoch eine andere Stimmung hineingebracht. Gabriel vertagt notfalls eine Entscheidung, bevor er etwas übers Knie bricht.“
Und noch etwas hat sich geändert. „Zu Regierungszeiten konnte man den Verlauf der Vorstandssitzungen schon am nächsten Tag mit allen Wortmeldungen in Zeitungen nachlesen“, schmunzelt Duin: „Das offizielle SPD-Protokoll gab es erst 14 Tage später.“ Vorbei. Auch dass zu Schröder-Zeiten sich immer die gleichen Fünf aus dem linken Lager als erste zu Wort meldeten (Duin: „Da war’s mit der Laune des Kanzlers schon vorbei.“), oder dass Generalsekretärin Andrea Nahles kaum den Blick von ihrem Handy hebt.
In Berlin endet jetzt die Zeit der Ostfriesen im SPD-Vorstand. „Zumindest vorübergehend“, sagt Duin, der die ostfriesischen Farben künftig an anderer herausragender Stelle hochhält: Als Sprecher der mächtigen Gruppe der konservativen „Seeheimer“, als wirtschaftspolitischer Sprecher in der Bundestagsfraktion und künftig auch als Mitglied einer SPD-Arbeitsgruppe zur Erarbeitung eines Wirtschaftsprogramms für eine erhoffte SPD-Bundesregierung. Duin: „Das Willy-Brandt-Haus werde ich auch künftig von innen sehen.“ SPD-Chef Sigmar Gabriel hat ihn darum gebeten. Aus solchen Reihen kommen schon mal Minister. Das sagt Duin aber nicht. Das weiß man in Berlin.
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